Informationstour "Erfahrbares Lernen" macht Station in Aachen

Informationstour des Bundesbildungsministeriums : Wie die Digitalisierung auch das Lernen verändert

Das Gros der deutschen Schulen ist bei der Digitalisierung nicht gerade in der Vorreiterrolle – aber das ist vielleicht gar nicht so schlecht. Denn bevor Lernsoftware und andere digitale Hilfsmittel auf die Schüler losgelassen werden, wollen auch die unerwünschten Effekte einer solchen Entwicklung bedacht sein. Diese Mischung aus Optimismus und Zurückhaltung war der Grundtenor bei der Informationstour „Erfahrbares Lernen“ des Bundesbildungsministeriums, die im Depot Talstraße in Aachen zu Gast war.

Es war der Schlusspunkt einer Leistungsschau, die zuvor bereits in Bremen, München und Leipzig und nun in Aachen zu sehen war. Universitäten, Hochschulen und Unternehmen haben sich dazu zusammengeschlossen und ihre Ergebnisse aus der gemeinsamen Forschung und Entwicklung präsentiert. Sie sollen Studierende und Schüler in Zukunft besser auf die Berufswelt vorbereiten, angeleitet und unterstützt durch intelligente Anwendungen.

Bei einigen ist es sofort ersichtlich, warum das Sinn macht: So wurde etwa das chirurgische Simulationssystem „SurMe“ vorgestellt, an dem angehende Ärzte Bandscheiben-Operationen üben können, ohne im Fall eines Ausrutschers böse Folgen erwarten zu müssen. Oder das optische System „Arsul“, das in der Lage ist, an technischen Geräten einzelne Komponenten mit einem Lichtstrahl zu erkennen und zu identifizieren. Es soll vor allem Berufseinsteigern helfen, sich an komplexen Apparaturen schneller zurechtzufinden.

Einen ähnlichen Weg geht das Chemie-Lernlabor „Elixier“, das Schüler individuell bei der Zubereitung chemischer Substanzen wie Schwefelsäure unterstützt. „Die interaktive Anleitung geht dabei auf das bereits bekannte Vorwissen jedes Anwenders ein, das zuvor bei einem kurzen Test erfragt wird“, erklärte Ulrike Schmitz-Ziffels von LD Didactic, einem Unternehmen für naturwissenschaftliche Ausbildungssysteme. Und auch wenn die chemischen Prozesse längst in Gang gesetzt sind, überprüft „Elixier“ weiterhin alle Temperaturen, den Druck in den Behältern und gibt Anweisungen, was als Nächstes zu tun ist.

So ähnlich verhält es sich beim Multitouch-Tisch „Tabula“, der das Erlernen von Informatikkonzepten in Zukunft erleichtern soll. Wurde früher noch gelehrt, dass man Bildschirme bitte nicht berühren sollte, dann ist es heute andersrum: „Mit Hilfe von sogenannten Tangibles kann der Lernende Variablen auf dem Tisch anfassen und verschieben. Die Tischplatte meldet dann sogleich, ob die Aufgabe zufriedenstellend gelöst wurde“, schilderte Matthias Ehlenz, der an der RWTH Aachen am Projekt „Tabula“ forscht.

Einer, der mit Faszination und Bedenken gleichermaßen auf die Veränderungen durch digitale Entwicklungen blickt, ist der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar. Er war als Gastredner zu der Schlussveranstaltung in Aachen geladen und warnte vor den noch unbekannten Folgen der Digitalisierung in der breiten Bevölkerung, die durchaus auch negativ sein könnten. Was etwa passiere, wenn Kinder beginnen, mit Apparaten zu sprechen, oder anzweifeln, dass man in Zukunft überhaupt noch Schreiben lernen müsse, wenn Wissen über andere Kommunikationsformen leichter vermittelbar sei.

Es mache sicherlich Sinn, Fähigkeiten von Maschinen zu nutzen, wo diese besser sind als die Menschen, etwa bei der Erkennung von Krebszellen oder bei mathematischen Aufgaben. „Zugleich stellt sich aber die Frage, wie unabhängig unser Denken künftig noch sein kann, wenn die Informationsflüsse durch Algorithmen gesteuert werden und so unsere Entscheidungen beeinflussen“, betonte Yogeshwar. Unser Menschenbild dürfe es auch nicht zulassen, dass sich die Zukunftsaussichten von Schülern anhand von Daten entscheiden, die beispielsweise an solchen Lernprogrammen gesammelt werden.

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