Tiere in der Stadt: In Horbach hat der Feldhamster ein Bett im Kornfeld

Tiere in der Stadt : In Horbach hat der Feldhamster ein Bett im Kornfeld

Er ist wieder da, gräbt sich durch die Ackerflächen in Horbach und wird dieser Tage damit beschäftigt sein, Korn für den Winter einzulagern: der Feldhamster.

Das Tier, das in etwa so groß ist wie ein Meerschweinchen, einen auffällig schwarz gefärbten Bauch hat und „sehr hübsch und faszinierend ist“, wie Manfred Aletsee von der Nabu-Naturschutzstation Aachen sagt, hat die Kaiserstadt viele Jahre nicht gesehen.

Nachdem er in den 90er Jahren für viel Zündstoff bei den Planungen zum Gewerbegebiet Avantis zwischen Aachen und Heerlen gesorgt hatte, in diesem Zusammenhang stets von der „Hamster-Affäre“ die Rede war, war er von der Bildfläche verschwunden, gilt in Nordrhein-Westfalen (NRW) sogar als „de facto ausgestorben“, so Aletsee. Doch nun feiert das Nagetier sein Comeback und ist in der Horbacher Börde sehr willkommen.

Im Gaia Zoo gezüchtet

Allerdings musste die Naturschutzstation in Absprache mit der Stadt Aachen und der Provinz Limburg ein wenig nachhelfen. Sie haben 30 Feldhamster, die Hälfte davon Weibchen, die Hälfte Männchen, im Mai dieses Jahres auf einer Ackerfläche in Horbach ausgewildert. „Das heißt aber nicht, dass sie überlebensfähig sind“, sagt Aletsee. Ein paar wenige von ihnen sind mit Sendern ausgestattet, damit Aletsee und sein Team sie regelmäßig nachweisen können.

Aber es gibt auch natürliche Spuren: beispielsweise diesen Eingang zum unterirdischen Bau. Foto: Harald Krömer

Die Tiere wurden im Gaia Zoo in Heerlen gezüchtet, die Provinz Limburg finanziere dieses Projekt, so Aletsee. In den Niederlanden hätte es schon mehrere Auswilderungen gegeben. „Seit Jahren gibt es diesbezüglich eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit“, sagt auch Winfried Engels von der Unteren Naturschutzbehörde der Stadt Aachen.

„Nun sind die Niederländer auch auf uns zugekommen“, sagt Aletsee. Und die Untere Naturschutzbehörde der Stadt Aachen unterstützt dieses Projekt. Und so ging im Mai alles ganz schnell. Die Naturschutzstation Aachen suchte Landwirte, die das Auswilderungsprojekt ebenfalls befürworten und hat nach einer Fläche gesucht, die sich für die Tierchen eignet. Die wurde bei Horbach gefunden, eine etwa einen Hektar große, städtische Fläche, die der Landwirt gepachtet hat. „Die Landwirte haben insgesamt sehr positiv darauf reagiert“, sagt Aletsee.

Denn sie müssen ihre Äcker schon auch anders bewirtschaften als üblicherweise. „Teilweise verzichten sie auf Ernte, lassen Stoppeln stehen, damit die Feldhamster besser vor Feinden geschützt sind“, sagt der Experte. Und das komme natürlich nicht nur dem Feldhamster zugute, sondern auch anderen Tieren, Amphibien und Insekten.

Rund 30 dieser kleinen Feldhamster sind im Mai in Horbach ausgewildert worden und versuchen nun, sich auf dem Feld durchzuschlagen. Foto: dpa

In Fachkreisen spricht man von Biodiversität, also von der biologischen Vielfalt, die die Nabu-Naturschutzstation dadurch wieder herstellen will. Der Feldhamster ist nur ein Teil dieser Vielfalt, muss sich aber auch erst wieder selbst daran gewöhnen. Denn die Nagetiere wurden gezüchtet, kannten nur den Zoo. Instinktiv werden sie wissen, was zu tun ist. Aber es ist eine Herausforderung. „Sie kennen keine Erde, keinen Regen und keine Füchse“, sagt Aletsee. „Es ist ein Versuch — und der könnte auch scheitern.“

Bislang seien aber noch einige Tiere da. Andere seien schon gestorben. Feldhamster werden im Schnitt rund zwei Jahre alt, sind Einzelgänger und eher in der Dämmerung aktiv. Zu Gesicht bekomme man sie daher nur selten. „Eigentlich müssten sie sich auch schon vermehrt haben“, sagt Aletsee. Definitiv festgestellt wurde dies jedoch noch nicht.

Endgültig darüber Bescheid wissen, ob die Tiere in Horbach erfolgreich ausgewildert wurden, wird man erst im nächsten Frühjahr. Denn so langsam bereiten die Feldhamster ihren Winterschlaf vor. Dann leben sie in ihren unterirdischen Bauten, ernähren sich vom gesammelten Korn und schlafen bis zu zwei Wochen am Stück. Sie fahren ihre Körpertemperatur auf drei Grad runter, wachen auf, fressen, und schlafen weiter. „Wir hoffen, dass sich auf Dauer eine Population aufbaut, die nicht nur aus ausgesetzten Tieren besteht“, so Engels.

„An der Grenze zwischen Horbach und Heerlen sind 2008 bereits einige Feldhamster ausgesetzt worden. Sie waren dort über fünf Jahre nachweisbar, dann aber wieder verschwunden“, sagt Aletsee. Ein einmaliges Aussetzen von 30 Tieren sei demnach absolut keine Garantie, dass die Tiere auch dauerhaft bleiben. Daher wäre es gut möglich, dass auch im nächsten Frühjahr wieder eine kleinere Population in Horbach ausgesetzt wird, um den Bestand zu sichern.

Kein Haustier

Für die Naturschutzstation ist das so wichtig, weil der Feldhamster klassischerweise in einen natürlichen Ackerlebensraum gehört. Seine Grabtätigkeiten tief unter der Erde kämen dem Boden zugute, seine Bauten werden zudem auch von anderen Tieren genutzt. Er sei ein Symbol für die Artenvielfalt und dafür setze sich die Station ein. Außerdem steht der Nager unter Artenschutz. Aber einen weiteren Grund haben Naturschutzstation und Stadt zumindest im Hinterkopf.

Da der Feldhamster eine geschützte Art ist und sich Deutschland durch die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie dazu verpflichtet hat, diese Arten zu schützen, droht eine millionenhohe Vertragsstrafe, falls das Tier in Deutschland aussterben sollte. Die Richtlinie 92/43/EWG zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen ist eine Naturschutz-Richtlinie der Europäischen Union und somit ernst zu nehmen.

Daher und aus noch einem viel wichtigeren Grund sollte niemand auf die Idee kommen, den Hamster fangen zu wollen für die Heimhaltung oder um ihn zu vertreiben: „Die Tiere sind oft bissig und aggressiv“, sagt Aletsee. Man sollte ihn also lieber lassen, wo er gerade ist — in Horbach.

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