In Aachen tobt der Streit um den Bau einer Fahrradstraße

Pläne für die Lothringerstraße : Radfahrer machen mobil gegen Umbauvorschlag

Die jetzt von der Verwaltung vorgelegten und empfohlenen Umbaupläne für die Lothringerstraße zur Fahrradstraße sorgen nicht nur in der Radfahrerszene für das blanke Entsetzen, auch die Verkehrspolitiker zeigen sich irritiert.

Denn von den Standards, die sich die Stadt eigentlich gesetzt hat, bleibt so gut wie nichts übrig. Die Lothringerstraße ist eines der wichtigen Teilstücke der geplanten Radvorrangrouten aus Richtung Brand und Eilendorf in die Innenstadt. Früher als andere Abschnitte soll nun schon das Stück zwischen Wilhelmstraße und Harscampstraße in Angriff genommen werden, da das Unternehmen Regionetz dort ab März mit Tiefbauarbeiten beginnen wird. Nach Abschluss der Arbeiten im November soll der Abschnitt dann bereits so umgestaltet werden, dass er die Ansprüche an die Radvorrangroute und an einen Fußgängerpremiumweg erfüllt.

Drei Vorschläge hat die Verwaltung dafür erarbeitet, die am Mittwoch zunächst in der Bezirksvertretung Aachen-Mitte und zwei Wochen später dann im Mobilitätsausschuss beraten werden. Die Verwaltung bevorzugt nun ausgerechnet eine Planung, die aus Sicht von Radfahrern und ihrer Verbände beinahe alles beim Alten lässt und weit hinter dem zurückbleibt, was für die Gestaltung solcher Fahrradstraßen im vergangenen Jahr beschlossen wurde. Beibehalten werden sollen insbesondere die Parkstreifen auf beiden Seiten der Lothringerstraße, Radfahrer sollen künftig auf voller Länge die Fahrbahn nutzen, die dafür gerade mal 40 Zentimeter breiter werden soll. Der stadtauswärts führende Radweg auf dem Bürgersteig gegen die Einbahnstraße soll dafür wegfallen.

Selbst die Verwaltung erkennt, dass das Straßenstück damit für zwei sich begegnende Radfahrer und ein Fahrzeug zu schmal ist. „Besondere gegenseitige Rücksichtnahme ist erforderlich“, schreibt sie, empfiehlt aber dennoch die Umsetzung, weil damit auch „die Belange des ruhenden und fließenden Kfz-Verkehrs berücksichtigt werden“.

Die Aufregung in der Radfahrerszene ist seitdem groß. Vor allem in den sozialen Medien wird seit Bekanntwerden ein Pläne der Protest organisiert. Die beiden Radfahrerinitiativen in Brand und Eilendorf, der ADFC und auch der VCD haben zudem bereits eine gemeinsame Stellungnahme verfasst, mit der sie einer zweiten Variante zum Durchbruch verhelfen wollen, die den Namen Fahrradstraße auch verdiene – mit einer ausreichend breiten Fahrbahn, markierten Sicherheitsstreifen, genügend großen Aufstellflächen an den Ampelübergängen und Platz für Fußgänger. Ihr Nachteil: 22 Parkplätze müssten dafür wegfallen, auch vier Bäume müssten gefällt werden, insgesamt sechs neue würden jedoch gepflanzt.

Wer wirklich eine Radvorrangroute wolle, müsste das in Kauf nehmen, meinen die Radfahrer. Die Lothringerstraße nimmt in ihren Augen eine Schlüsselrolle ein, weil die Zahl der Radfahrer dort schon jetzt hoch ist und künftig noch zunehmen werde. Dort dürfe kein „Flaschenhals“ entstehen mit einem Minimalquerschnitt. Stattdessen plädieren sie sogar dafür, die Straße für den Kfz-Schleichverkehr gleich ganz zu sperren und nur noch für Anlieger freizugeben. Beidseitiges Parken müsse unterbunden werden, weil dies gerade in Einbahnstraßen ein besonderes Sicherheitsrisiko für Radfahrer sei.

Verkehrsexperten sind überrascht

Wie sich die schwarz-rote Ratsmehrheit in diesem Streit positionieren wird, muss vorerst abgewartet werden. Eine Entscheidung in der Bezirksvertretung sei eher nicht zu erwarten, hieß es am Dienstag. Denn vor allem auch die Verkehrsexperten in den Fraktionen äußerten sich überrascht über den Vorschlag der Verwaltung, wie unter anderem Jörg Lindemann von der CDU sagte. Man müsse noch weitere Informationen sammeln, wie die Verwaltung zu ihrer Einschätzung gekommen ist, sagt er. Deren Vorzugsvariante erscheine auch ihm auf den ersten Blick als zu eng.

Ähnlich sieht man es in der SPD, deren Verkehrsexperten darauf drängen, gerade in der Lothringerstraße den selbstgesetzten Standard auch anwenden und für eine entsprechende Fahrbahnbreite sorgen zu wollen. Was die Verwaltung geritten habe, „einem schlechten Kompromiss“ den Vorzug zu geben, wie es Fraktionsvorsitzender Michael Servos ausdrückt, bleibt auch für ihn noch klärungsbedürftig.

Ihren Unmut über die Umbaupläne der Lothringerstraße wollen Radfahrer am Mittwoch auch zu Beginn der Sitzung der Bezirksvertretung Aachen-Mitte zeigen – ab 17 Uhr am Rathaus.

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