In Aachen landen immer mehr To-Go-Becher im Mülleimer

Unterwegs mit den Aachener „Kehrmännern“ : Der Müll, die Stadt und das Geld

Was landet eigentlich alles im Müll?

Alexander Nießen hat schon (fast) alles aus öffentlichen Mülleimern gefischt: defekte Fahrradschlösser, gebrauchte Windeln, Sexspielzeuge. Auch Stomabeutel für Menschen mit einem künstlichen Darmausgang gehören regelmäßig zu seiner Ausbeute. Gefüllt, versteht sich.

Seit rund 18 Monaten arbeitet Nießen für den Aachener Stadtbetrieb. 15 Kilometer legt er pro Schicht auf seiner Tour als „Kehrmännchen“ zurück. An diesem Montag ist er mit seinem Kollegen Anto Nikolic in der Innenstadt unterwegs.

Zu seinen Stationen gehören der Elisenbrunnen, der Adalbertsteinweg und die Blondelstraße. Auch am Kaiserplatz und am Synagogenplatz leert er die öffentlichen Mülleimer und sammelt ein, was es nicht in die grauen Behälter geschafft hat. Zum Beispiel den Stapel Pizzakartons, den Unbekannte in der zurückliegenden Nacht am Synogogenplatz achtlos auf dem Boden zurückgelassen haben.

Rund 100 gebrauchte Pizzakartons kommen pro Schicht zusammen, schätzt Nießen. Und auch von Coffee-to-go-Bechern dürften sich zum Feierabend sicherlich zwischen 40 und 50 Exemplare in den Müllsäcken wiederfinden. Einwegprodukte, die schnell gekauft und mindestens genauso schnell wieder entsorgt werden, machen mittlerweile ein Drittel bis die Hälfte des Müll-Volumens aus, das in Aachen in öffentlichen Mülleimern landet, teilt das städtische Presseamt auf Anfrage mit. Je nach Standort sei der Anteil aber noch deutlich höher, schätzt Nießen.

Vor allem rund um Dom und Rathaus sowie am Elisenbrunnen und in der Pontstraße sei das Müllaufkommen enorm. Der Stadtbetrieb ist deshalb in diesem Bereich im Zwei-Schicht-Betrieb unterwegs. Auch am Wochenende sind die Mitarbeiter im Einsatz. Insgesamt leeren täglich rund 100 Mitarbeiter die Papierkörbe der Stadt Aachen, teilt das städtische Presseamt auf Anfrage mit. Allein im Innenstadtbereich gibt es 1300 öffentliche Abfalleimer, im gesamten Stadtgebiet sind es rund 3300. Es ist eine Sisyphusarbeit.

Die Kosten dafür sind immens. Die Personal- und Fahrzeugkosten für die Leerung der Papierkörbe belaufen sich nach Angaben der Stadt für das gesamte Aachener Stadtgebiet auf rund 950.000 Euro im Jahr. Dazu kommen noch die Kosten für die Entsorgung selbst. Genau deshalb will Bundesumweltministerin Svenja Schulze die Hersteller von Einwegprodukten zur Kasse bitten und den Handel dazu bringen, Mehrweg-Alternativen zum Standard zu machen.

Laut einer Studie des Umweltbundesamtes sind pro Jahr etwa 2,8 Milliarden Einwegbecher für Heißgetränke im Umlauf. Über einen Fonds, in den die Hersteller einzahlen sollen, könnten die Kommunen finanziell bei der Beseitigung der Pappbecher unterstützt werden.

Bei schönem Wetter landet besonders viel Müll auf der Straße: Alexander Nießen ist einer der Mitarbeiter vom Aachener Stadtbetrieb, die den achtlos weggeworfenen Abfall wieder einsammeln müssen. Foto: Andreas Steindl

„Der Aachener Stadtbetrieb begrüßt grundsätzlich die Initiative der Bundesumweltministerin. Da sich dieser Vorschlag aber noch im gesetzlichen Abstimmungsverfahren befindet, können wir keine Aussagen zur Auswirkung oder Umsetzung machen“, teilt Björn Gürtler vom städtischen Presseamt mit. Bis der Vorstoß der Ministerin umgesetzt wird, dürfte also noch etwas Zeit ins Land gehen.

Bis dahin werden Alexander Nießen und Anto Nikolic wohl weiterhin säckeweise Pappbecher und Kartons einsammeln. Und nicht nur das. „Brauchst du noch einen Fernseher“, fragt Nikolic an diesem Montagmorgen seinen Kollegen. Zu Füßen des Kaiser-Friedrich-Denkmals am Kaiserplatz steht ein Flachbildschirm. Ein beherzter Handgriff und der große Flatscreen-TV landet zwischen gefüllten Müllsäcken auf der Ladefläche des Einsatzwagens.

Neben großen Geräten wie diesen sind es aber vor allem die vielen kleinen Müllteile, die den Mitarbeitern des Stadtbetriebs die Arbeit erschweren – und die Umwelt belasten. „Wenn ich für jede Zigarettenkippe, die ich aufsammle, 20 Cent bekommen würde, könnte ich in anderthalb Jahren aufhören zu arbeiten“, sagt Nießen. Eine entsprechende Petition für ein Pfandsystem für Zigarettenstummel gibt es bereits.

Dass so viel Abfall innerhalb weniger Stunden auf der Straße zusammenkommt, hätte Nießen vor rund 18 Monaten selbst nicht gedacht. „Bevor ich beim Stadtbetrieb angefangen habe, habe ich mir darüber kaum Gedanken gemacht“, räumt der 40-Jährige ein. „Aber mittlerweile achte ich auch im Bekanntenkreis darauf, dass richtig getrennt wird. Ich hab’ da ein ganz anderes Verständnis für bekommen.“ Ein Verständnis, das ruhig auch noch mehr Zeitgenossen entwickeln könnten.

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