Aachen: Immer weniger Schwimmer gehen frühmorgens in den Hangeweiher

Aachen: Immer weniger Schwimmer gehen frühmorgens in den Hangeweiher

Ein Pärchen schlendert in flauschigen Bademänteln zum Ausgang, quert die Straße zum geparkten Mercedes und fährt davon. Die letzten Frühschwimmer trocknen in der Sonne, einige springen gleich aus der Badehose in den Anzug.

Die ersten Sonnenstrahlen kommen gerade über die mächtigen Bäume, der Hangeweiher liegt noch halb im Schatten. Es ist kurz nach acht. Sommer! Morgenfrische!

Zwei Badegäste picknicken mit Prosecco aus Gläsern, frischen Brötchen, Käse und Orangensaft. „Das gönnen wir uns zwei Mal pro Woche.” Im Freibad herrscht rege Betriebsamkeit.

„Klappt das mit der Hüfte?” ruft eine Frau mittleren Alters einer Seniorin hinterher. Die dreht sich um, nickt und schiebt mit dem Rollator gen Beckenrand. An Land geht es eben ein bisschen langsam, doch im Wasser zieht sie ohne erkennbare Anstrengung davon.

Die Bank in der Sonne vor den Umkleidekabinen ist der Treffpunkt. Öcher Verzäll, Nachrichtenbörse. Und was für Nachrichten: „Die große Frau aus Bayern, kommt die nicht mehr? Die kam doch jahrelang!”

Ulrich Vogten war von 1961 bis zu seinem Ruhestand vor einigen Jahren Schwimmmeister im Freibad Hangeweiher. „Wenn ich früher um 6.30 Uhr aufschloss, warteten schon 30 bis 40 Leute. Heute waren es nur noch sechs.” Vogten kennt immer noch fast jeden Frühschwimmer persönlich, schließlich zieht er nach wie vor jeden Morgen seine Bahnen im 50-Meter-Pool. Der ist beheizt, sogar die Umkleiden sind bei schlechtem Wetter beheizt. Warm Duschen kostet zehn Cent.

Doch „die Frühschwimmer sterben aus”. Zum Frühschwimmer-Frühstück am ersten Sonntag im Monat komme nur noch ein gutes Dutzend. Schwimmen sei nicht mehr so gefragt, vermutet Vogten, die Jugendlichen säßen zu viel am Computer.

„Wer geht denn heute noch schwimmen”? fragt die Dame neben ihm wie zur Bestätigung. Lilo Beckers dreht seit 39 Jahren in aller Frühe im Hangeweiher ihre Runden. Es sei lange nicht mehr so voll wie früher, meint auch sie. Früher wären die Theaterleute nach einer durchzechten Nacht gekommen, um sich morgens abzukühlen.

„Das waren noch Zeiten, als beim Schwimmen Backrezepte ausgetauscht wurden”, lacht Vogten. Eine weitere Besucherin im Badeanzug setzt sich dazu. Das ist die Helga, die Schwiegertochter von der Soundso, die noch mit 88 Jahren im Hangweiher schwamm.

Im Wasser selbst redet man eigentlich nicht viel. Die meisten ziehen schweigend ihre Bahnen, mal schwimmen zwei Freundinnen nebeneinander, Köpfchen überm Wasser und klönen.

Bahnenziehen

Inzwischen ist fast zu jeder Tageszeit ausreichend Platz zum Bahnenziehen. Die Sommer, in denen sich noch lange Warteschlangen vor der Kasse bildeten und die Menschen mit Kühltaschen bepackt in Aachens einziges Wasserloch strömten, sind längst vorbei.

1836 wurde einem Xaver Jansen die „Anlage einer öffentlichen Bade-anstalt Hanger Weyer vor dem Jacobsthore” gestattet. Das heutige Freibad - gleich neben dem Hangeweiher - stammt aus dem Jahr 1920. Damals gab´s einen hundert Meter langen Pool, Holzsteg und Sandstrand.

Den nostalgischen Charme hat sich das Freibad inmitten des Kaiser-Friedrich-Parks mit seinen hohen Bäumen bewahrt - und kommt ganz ohne den Schnickschnack eines Spaßbades aus. Man konzentriert sich aufs Wesentliche: das Schwimmen.

Keine Rekordzahlen in diesem Sommer

Der Hangeweiher ist „wetterabhängig”, weiß Margit Kunst vom städtischen Fachbereich Sport. „23 Grad im Mai ziehen mehr Besucher als 26 Grad im August.” Denn die Badegäste seien zu Saisonanfang viel sonnenhungriger als mitten im Sommer.

Im sogenannten Jahrhundertsommer 2003 kamen über 158.000 Besucher. Der Hangeweiher erreichte 2001 mit über 194.000 Badegästen sein Rekordjahr. Mit 80.943 Besuchern kamen in der Badesaison Mai bis September 2008 gerade einmal halb so viele.

Bisher stellt auch dieser Sommer keine neuen Besucherrekorde auf: Im Juli kamen 28.849 Gäste, im Jahr zuvor 27.105.