Aachen: „Im Weißen Rössl“: Junge Künstler begeistern mit großer Spielfreude

Aachen : „Im Weißen Rössl“: Junge Künstler begeistern mit großer Spielfreude

Im Stadttheater glänzen die Studenten der Aachener Musikhochschule mit einer beeindruckenden Darstellung von Benjamin Brittens düsterem Drama „The Turn of the Screw“, im Innenhof der Schule am Theaterplatz stimmen sie mit Ralph Benatzkys Singspiel „Im Weißen Rössl“ mit flotteren Klängen auf die bevorstehende Sommerpause ein.

Eine leichte Aufgabe haben sich Dekan Prof. Herbert Görtz, der die knapp zweistündige Produktion am Keyboard begleitet und als vermeintlicher Kaiser Franz Joseph selbst auftritt, Regisseur Tobias J. Lehmann und die jungen Sänger damit nicht vorgenommen. So stimmungsvoll der Innenhof der Musikhochschule sein mag, in der frischen Luft hatten es die motivierten Darsteller noch etwas schwerer, ihre Stimmen bis in die hinteren Reihen in voller Präsenz hinüberzutragen. Von den unterschiedlich deutlich gesprochenen Dialogen ganz zu schweigen.

Dass diese Probleme den Erfolg im voll besetzten Innenhof zum ungetrübten Vergnügen des Premieren-Publikums nicht gefährdeten, lag an den durchweg hochwertigen Gesangsleistungen und der unbändigen Spielfreude der blutjungen Künstler. Tobias J. Lehmann sparte in seiner Inszenierung der verwickelten Vielecks-Komödie nicht an deftigem Tobak, charakterisierte die Figuren pointiert und flocht ein paar aktuelle Anspielungen ein, indem er etwa den Fabrikanten Wilhelm Giesecke zum muselmanischen Yilmaz Güzelcim mit Migrationshintergrund umdeutete. Das alles spielt sich in schlichten, aber treffsicheren Dekorationen von Franziska Leicht ab.

Herbert Görtz als musikalischer Leiter löste das Werk aus der gängigen Tradition der großen Revueoperette und reduzierte das Orchester auf eine Salonbesetzung mit Keyboard, Posaune, Violine und Kontrabass. Das verleiht dem Werk einen gemütlichen Anstrich, eignet sich aber auch, an mancher Stelle die Nähe zur zeitgleich entstandenen „Dreigroschenoper“ zu unterstreichen, so dass das eingefügte Zitat aus Brechts Erfolgsstück nicht weniger gut passt als die eingestreuten Erfolgssongs anderer Komponisten, was Ralph Benatzky zu endlosen Urheberrechtsstreitigkeiten zwang.

Gesang auf hohem Niveau

Das Stück lebt von der Präsenz der beiden Hauptfiguren, der Hotelchefin Josepha Vogelhuber und ihrem Zahlkellner Leopold, aber auch von der präzisen Zeichnung der weiteren, allesamt dankbaren Partien. Lisa Solovyova stellt eine resolute Josepha dar, die am Ende doch ihrem Leopold zu Füßen liegt, der in Fabio Lesuisse einen charmanten Sängerdarsteller findet.

Farsan Rahvari gibt dem polternden Fabrikanten Güzelcim Profil, Charlotte Watzlawick erfreut als Klärchen mit besonders ausgeprägtem komödiantischem Talent. Andranik Fatalov verleiht dem „schönen“ Sigismund betont lyrische Züge. Auch die vielen weiteren Rollen sind überzeugend besetzt. Gesungen wird auf durchweg hohem Niveau. Die Tanzszenen sind hingegen stark reduziert.

Begeisterter Beifall für alle Beteiligten. Es lohnt sich, rechtzeitig zu erscheinen, um einen der vorderen Plätze zu ergattern. Auf den hinteren Rängen wird es klanglich und optisch dünner.

Die nächsten Aufführungen im Innenhof der Musikhochschule am Theaterplatz: am 23. und 27. Juni, jeweils 19 Uhr, sowie am 28. Juni, 18 Uhr. Als Koproduktion mit dem Uckermärkischen Nationaltheater Kulturgut Metzelthin geht die Produktion vom 10. bis 18. Juli auf die Reise in fünf Theater Brandenburgs und Mecklenburgs-Vorpommern.

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