Aachen: Im Depot des Suermondt-Ludwig-Museums lagern 20.000 Exponate

Aachen: Im Depot des Suermondt-Ludwig-Museums lagern 20.000 Exponate

Manchmal ist Michael Rief es satt, immer der Mann im Hintergrund zu sein. Vor allem für seine Schützlinge wünscht er sich mehr Aufmerksamkeit. Rief ist der Chef-Restaurator im Suermondt-Ludwig-Museum, und sein Alltag spielt sich ab zwischen Werkstatt, Büro und Keller, in Räumen also, die kaum ein Normal-Bürger je zu Gesicht bekommt.

Seine Schützlinge, das sind rund 20.000 kostbare Exponate, die im Museumsdepot lagern und von Rief und seinem Team nach und nach analysiert, restauriert und inventarisiert werden.

Den Weg in eine Ausstellung finden die alten Flinten, die hochwertigen Glasgefäße und die filigranen Schnitzarbeiten allerdings selten. So bleiben sie der Öffentlichkeit meist verborgen. Rief: „Das Depot wird oft vergessen. Das ist sehr schade.”

Umso mehr freut er sich, wenn „seine” Sammlung auf Interesse auch außerhalb des Museums trifft. Der Restaurator unterhält mehrere Kooperationen mit Hochschulen. Etwa mit der Fachhochschule Köln, Fachrichtung Konservierungswissenschaften, Abteilung Textilrestaurierung. Schon mehrmals haben Studierende von Professorin Annemarie Stauffer in Aachen Museumsstücke in Augenschein genommen, sie begutachtet und ausführliche Inventarlisten angefertigt.

Jetzt war wieder eine Gruppe zu Gast in Riefs Keller-Depot. Drei Wochen lang arbeiteten acht Studentinnen gemeinsam mit ihrer Professorin im Museum. Dabei ging es hauptsächlich darum, den Umgang und die Arbeit mit sogenannten Paramenten zu lernen. Paramente sind liturgische Gewänder von Priestern. Und sie seien wissenschaftliche Stiefkinder, sagt Stauffer. „Leider werden die Gewänder oft in ollen Kisten einfach vergessen. So geht viel verloren, dabei sind sie ein Teil unserer Kulturgeschichte”. Es gebe einen Hype um Arbeiten aus der Zeit der Ägypter, Zeugnisse aus dem Barock - wie viele der Priester-Gewänder - würden darüber oft vergessen.

Doch Stauffers Studentinnen haben sich mit den seltenen Paramenten beschäftigt, sind jeden Tag zwischen Köln und Aachen hin und her gependelt. Mit ersten Inventurmaßnahmen wurden die Exponate erst einmal geordnet und begutachtet. Dann erhielt jedes einzelne Parament eine Inventarnummer, eine Datierung und eine genaue Beschreibung von Stoff und Zustand. Außerdem wurde die Stücke zur besseren Übersicht nach Farben sortiert.

Michael Rief freut sich sehr über das Engagement: „Ich hoffe, dass die FH Köln noch ganz häufig kommt. Von der Zusammenarbeit profitieren beide Seiten.” Denn die Studentinnen helfen nicht nur bei der Inventur. Im Gegenzug stellt das Museum verschiedene Stücke für Studienarbeiten zur Verfügung. „Wir sind immer wieder begeistert, das ist hier schon einmalig”, schwärmt Professorin Annemarie Stauffer. Und auch der Restaurator des Museums ist begeistert: „Das ist eine sehr wertvolle Zusammenarbeit, wir lernen selbst immer wieder viel Neues über unsere Sammlung.”

Auch die Studentinnen freuen sich über die doch eher seltenen Einblicke in solch ein Depot. Sogar eine Lederkasel - ein Gewand, das den ganzen Körper bedeckt - haben sie gesehen, ein ganz seltenes Stück. Auch zahlreiche Werke des berühmten Textilsammlers Franz Bock konnten sie bewundern.

Die acht jungen Frauen sind von der Vielfalt der Paramente und ihren Herstellungstechniken begeistert. In Aachen können sie die Textilien einmal richtig anfassen. „Das ist schon etwas ganz anderes, als sie auf einer Powerpoint-Folie zu zeigen oder einzelne Fasern unter dem Mikroskop zu analysieren”, erklärt Stauffer.

Die Arbeit mit den Paramenten war jedoch nicht immer leicht. „Es ist nicht einfach, etwas Sichtbares in die richtigen Worte zu fassen”, sagt eine Studentin. An der FH ging die Arbeit nach der Übung in Aachen dann weiter. Analysen und Beschreibungen mussten erstellt werden. Dabei hätten sich interessante Schlussfolgerungen etwa auf die Nadel- und Textilindustrie aufgetan, erzählt Stauffer.

Doch es ging nicht nur um die Inventaraufnahme der Gewänder. Um die Arbeit in den Sammlungen künftig noch mehr zu erleichtern, haben sich die Studentinnen auch einige Verbesserungsvorschläge überlegt.

Die Lagerung sei ein wichtiger Aspekt, um den Zustand der Paramente zu verbessern. In großen, unhandlichen Kisten oder unsortiert in Schränken seien sie nicht gut aufgehoben. „Manchmal würde es schon reichen, aus einer großen Kiste zwei kleinere zu machen”, erklärt Angelina Klassen, Werkstattleiterin an der FH Köln. Auch ein übersichtlich geführter Ordner des Bestandes sei eine große Hilfe.

Und was sagt Restaurator Rief dazu? „Soweit es möglich ist, werden wir versuchen, die Vorschläge umzusetzen”. Mit einem vielsagenden Lachen fügt er noch hinzu: „Ich hoffe da weiterhin auf das Engagement der Studentinnen.”

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