Aachen: „Hundeschulung“ für Postzusteller: Scharf auf ein Beutestück

Aachen : „Hundeschulung“ für Postzusteller: Scharf auf ein Beutestück

„Wie war das Gefühl?“, fragt Hundetrainer Michael Pfaff die 20-jährige Janine Minger: „Etwas unangenehm, aber man hat Respekt“, entgegnet die angehende Postzustellerin. Gerade eben hat die junge Frau Auge in Auge mit einem zähnefletschenden Schäferhund gestanden.

Janine ist eine Freiwillige aus der Gruppe von 16 Azubis, für die am Dienstagvormittag „Hundeschulung“ auf dem Lehrplan steht — in Theorie und Praxis. „Der Blick ist schon furchterregend“, ergänzt ein Kollege, der sich ebenfalls in die Nähe des laut bellenden sechsjährigen belgischen Schäferhunds „Mogli“ traut. Immerhin ist der 33 Kilogramm schwer und verfügt über eine „enorme Beißkraft“, bestätigt Pfaff.

Er betreibt mit seiner Frau Monika eine Hundeschule in Schwerte und ist im Auftrag der Unfallkasse der Post in ganz Nordrhein-Westfalen für die Hundeschulung zuständig, „aus Präventionsgründen“. Tagtäglich sind nämlich in Deutschland 100.000 Zusteller unterwegs, weiß Pressesprecher Dieter Pietruck. 1700 Mal kommt es zu Vorfällen mit Hunden pro Jahr, vom Stolpern und Hinfallen bis zum direkten Bisskontakt.

Mitunter mit schlimmen Folgen: Vor vier Wochen wurde eine Zustellerin in Haaren in die Wade gebissen, sie war drei Wochen lang krankgeschrieben. Deshalb gibt Pfaff den jungen Nachwuchskräften der Deutschen Post DHL einige Tipps mit auf den Weg, wie sie das Zusammentreffen mit den durchsetzungsstarken Vierbeinern möglichst schmerzlos gestalten können — am Dienstag auf dem Gelände des Zustellpunkts an der Talbotstraße. Die 16 jungen Leute, die zurzeit die zweijährige Ausbildung absolvieren, stammen aus dem Bereichen Aachen/Düren/Geilenkirchen.

Keine hektische Bewegung

Trainer Pfaff erklärt zunächst etwas über die Kommunikation zwischen Mensch und Tier und rät dazu, die Körpersignale von Hunden richtig zu deuten. „Schnelle, hektische Bewegungen können zum Beißen führen.“ Wenn ein Hund angerannt kommt, solle man ihm ein Beutestück hinhalten, etwa das Cape, die Tasche oder eine Jacke, nach dem das vom Menschen gezähmte Raubtier schnappen kann.

Pfaff demonstriert das zunächst einmal selbst mittels eines Beißkissens, der zwölf Monate alte Bakuma, ebenfalls ein belgischer Schäferhund, lässt seine Batterie von scharfen Zähnen beeindruckend sehen. „Das ist ein Extremfall“, stellt Trainer Pfaff die Attacke in die richtige Dimension und wiederholt zur Sicherheit noch einmal: „Also nicht den Körper nach vorne halten, sondern dem Angreifer etwas hinhalten.“

Christof Leonarczyk aus Jülich, selbst Halter von zwei Hunden, meldet sich zuerst als Freiwilliger: „Ich habe keine Angst, eher Respekt.“ Der 24-Jährige hat ist ausgebildeter informationstechnischer Assistent und wird nicht zuletzt wegen der vielen frischen Luft und der Bewegung Postzusteller. Er hat schon eine Situation erlebt, wo er sich auf einem Hof von zwei Hunden bedroht sah und sich vorsichtshalber zurückzog. Den Brief habe er der Kundin trotzdem zugestellt — auf Zuruf.

Wenn ein Kollege gebissen wird, sucht ein Qualitätsmanager den Halter auf und führt ein Gespräch mit ihm, erläutert Sprecher Pietruck. Man könne etwa eine Absprache treffen, wann der Briefträger erscheint, oder einen Briefkasten am Rande eines Grundstück aufstellen. Außerdem werde in jedem Fall das Ordnungsamt eingeschaltet, schließlich könne ein angriffslustiges Tier auch eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellen: „Rein theoretisch wäre es möglich, dass jemand von der Zustellung ausgeschlossen wird. Aber ich kenne keinen derartigen Fall.“

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