Aachen: Hochschulpolitik? Sorry, dafür hab‘ ich keine Zeit!

Aachen: Hochschulpolitik? Sorry, dafür hab‘ ich keine Zeit!

Für das, was Lejla Stepanovic tut, haben viele ihrer Kommilitonen kein Verständnis. Lejla ist in der Hochschulpolitik aktiv. Doch für viele ihrer Mitstudenten ist ihr Engagement in etwa so abwegig wie der Versuch bei 45 Grad mit einer Gießkanne eine staubtrockene Wüste zu bewässern.

„Da kommen dann Aussagen wie: ‚Warum machst du das? Das bringt dir doch nichts!‘ oder ‚Kümmer dich doch lieber um dein Studium‘“, erzählt die 26-Jährige.

Hochschulpolitik scheint im Jahr 2014 nicht unbedingt etwas zu sein, für das durchschnittliche Studenten ihre knappe und kostbare Zeit aufwenden wollen.

Das zeigt auch ein Blick auf die Kandidatenliste für die Hochschulwahlen an der Fachhochschule (FH) Aachen. In dieser Woche wählen die Studenten unter anderem das Studierendenparlament und die Fachschaftsräte. 21 Plätze gibt es im Studierendenparlament der FH. Und obwohl die Wahlen am Montag erst begonnen haben, steht schon jetzt fest: Das Studierendenparlament wird im nächsten Semester — mal wieder — nicht voll besetzt sein. Die Wahlbeteiligung an den Hochschulwahlen ist seit jeher eher mäßig, der Kandidatenmangel kommt dabei noch als weiteres Problem hinzu.

Dank einer aufwendigen Wahlkampagne mit eigener Internetseite, Videoclips mit Wahlbotschaftern, Info-Ständen und verschiedenen Give-Aways mit dem Wahl-Slogan „Du bist die Lösung“ haben sich in diesem Jahr immerhin 19 Studenten für das Studierendenparlament aufstellen lassen. „Doch von einer demokratischen Wahl im Wortsinn kann ja eigentlich nicht gesprochen werden, wenn es weniger Kandidaten als Plätze gibt“, sagt Henning Grote, hochschulpolitischer Referent beim Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA).

Und nicht nur das Studierendenparlament ist betroffen. In vielen anderen Gremien der FH sieht die Situation ähnlich aus: In der Fachschaft Elektrotechnik und Information etwa werden vier von neun Plätzen leer bleiben. Insgesamt stehen für die studentische Selbstverwaltung elf Gremien zur Wahl — aber in nur sechs Gremien gibt es eine ausreichende Anzahl an Kandidaten.

Doch was sind die Gründe dafür, dass sich immer weniger Studenten in der Hochschulpolitik engagieren? „Hauptfaktor für viele Studenten ist in jedem Fall die fehlende Zeit“, sagt Paul Baumann, Projektleiter Öffentlichkeitsarbeit beim AStA. „Die Umstellung auf Bachelor und Master ist definitiv ein Problem für die studentische Selbstverwaltung.“

Seither sei der Leistungsdruck an den Hochschulen unheimlich gestiegen — und der Raum für ehrenamtliches Engagement, etwa im Studierendenparlament oder im Fachschaftsrat, geschrumpft. Bei der Jagd nach Credit Points bleibe eben kaum noch Zeit, sich zu engagieren. Deshalb wirbt der AStA auch dafür, dass es für Studenten die Möglichkeit geben soll, sich ehrenamtliches Engagement an der FH in Form von Credit Points anrechnen zu lassen. Als Tutor kann man bereits jetzt Punkte erwerben. Doch der AStA will mehr. „Da ist noch viel Potenzial, um die Gremienarbeit als Teil der Hochschulausbildung weiter zu integrieren“, sagt Henning Grote vom AStA.

Ein weiteres Problem: Die Themen, mit denen sich etwa der AStA momentan befasst, seien nicht unbedingt so nah dran an den Studenten und so massenkompatibel wie etwa das Aufreger-Thema Studiengebühren seinerzeit, meint Grote. „Das heißt aber nicht, dass es bei einem Thema wie dem Hochschulzukunftsgesetz nicht auch auf die Meinung der Studierenden ankommt.“ So sei etwa im ersten Referentenentwurf des Hochschulzukunftsgesetzes eine Zwangsexmatrikulation beim Überschreiten der Studienzeit vorgesehen gewesen, sagt Grote. „Was aber ist mit Studierenden mit Kind, die nur in Teilzeit studieren können und dadurch viel länger für ihr Studium brauchen?“

Das Beispiel zeigt vor allem eines: Im AStA und in den Gremien geht es hauptsächlich um das Wohl der gesamten Studenten. Wer nur seine eigenen Interessen im Blick hat und sich nur für Dinge einsetzen will, die ihn momentan selbst betreffen, ist dort falsch.

Lejla, die an der FH einen Bachelor in Maschinenbau macht, setzt sich aktuell mit anderen aus ihrer Fachschaft für eine Änderung der Prüfungsordnung im Studiengang Maschinenbau ein. Für die Maschinenbau-Studenten soll es — wie in einigen anderen Fächern auch — nach zwei vergeigten Prüfungen eine mündliche Nachprüfung geben, um zumindest ein „ausreichend“ zu retten und der Zwangsexmatrikulation zu entkommen. Lejla selbst wird von dieser Änderung — wenn sie durchkommt — nicht profitieren, sondern erst die Studentengeneration nach ihr.

Für die 26-Jährige ist das kein Problem. „Durch die hochschulpolitische Arbeit entwickle ich mich selbst einfach weiter und das reicht mir. Auch wenn ich vielleicht ein paar Semester länger für mein Studium brauche.“