Aachen: Hochhaus schwebt über dem Erdgeschoss

Aachen: Hochhaus schwebt über dem Erdgeschoss

Kurz vor Weihnachten des Jahres 1957, vom 4. bis zum 21.Dezember, haben die Mitglieder der Verwaltung des Landkreises Aachen ihre neuen Büros bezogen. Das jüngst sanierte, zwölfgeschossige Hochhaus entstand nach den Plänen des Kölner Architekten Fritz Schaller (1904 bis 2002).

Schaller, der eine ganze Reihe von Sakralbauten im Erzbistum Köln geplant und ausgeführt hat, wurde überregional durch die Gestaltung der sogenannten „Domplatte” in Kölner bekannt.

Für den Neubau in Aachen, der seit 1988 als typisches Gebäude der 50er Jahre unter Denkmalschutz steht, stand ein trapezförmiges Grundstück an der Zollern- und Warmweiherstraße am Rande des Frankenberger Viertels zur Verfügung. Der Vorgängerbau diente seit 1894 als Bürohaus für die Kreisbehörde. Seine Fassaden zeigten schlichte, spätklassizistische Formen.

Den Sitzungssaal schmückten große allegorische Gemälde von Arthur Kampf. Unter Landrat Leonard Lennartz (1956 bis 1961) und Oberkreisdirektor Felix Seulen (1954 bis 1958) entstand ein Neubau, dessen Fassaden mit Platten aus römischem Travertin verkleidet sind.

Repräsentative Büros

An die Hochhausscheibe schließt sich zur Warmweiherstraße ein niedriger Anbau mit den repräsentativen Büros der Verwaltungsspitze, den beiden achteckigen Besprechungsräumen und dem Sitzungssaal an. In dem Trakt an der Warmweiherstraße waren Gesundheitsamt und die Zulassungsstelle für Kfz untergekommen. Hier sah man noch bis zum Neubau die kreisrunden Fundamente eines ehemaligen Gasbehälters.

Bereits eine gutes halbes Jahr vor der Grundsteinlegung am 28.Februar 1956 waren bis zu 120 Bauarbeiter der Bietergemeinschaft Derichs & Konertz und Grünzig mit der Ausführung der Betonfundamente beschäftigt. Die Basis bildete eine 70Zentimeter starke Bodenplatte, auf der auch ein Atombunker für 200 Personen entstand. In Zeiten des „Kalten Kriegs” war es nicht unüblich, solche Schutzräume in öffentlichen Gebäuden unterzubringen. Fachleute berechneten, dass die 60Zentimeter dicken Wänden bis zu 9Atü standhalten würden.

Die Zahlen des verwendeten Baumaterials sind beeindruckend. 1000 Wagenladungen Kies, 45000 Sack Zement, 31000 Quadratmeter Schalbretter und 800 Tonnen Eisen wurden verbaut. Ununterbrochen drehten sich die Mischmaschinen. Ein Blick durch den Bauzaun fiel unweigerlich auf ein völlig undurchschaubares Gewirr aus Stahl- und Betonträgern. Schnell hatte man einen Spitznamen für das Bauprojekt gefunden. Abgeleitet von dem gigantischen Stauwerk in Österreich wuchs in Aachen ein „Klein-Kaprun” in den Himmel.

Acht Wochen früher

Der Architekt Peter Hensen vertrat als örtlicher Bauleiter den Kölner Architekten. Alles in allem konnte man zufrieden sein: Der Terminplan wurde nicht nur eingehalten, sondern sogar um zehn Wochen unterboten. Dass Mehrkosten für die Fundamente anderweitig eingespart werden konnten, liest man im Zusammenhang mit dem Hochziehen des Richtkranzes am 7. August 1956.

Bei dem Kreishaus handelt es sich um einen Stahlskelettbau. Auf einem regelmäßigen Raster errichtete man die tragenden Stützen, die die Lasten aus den dazwischen gespannten Decken aufnehmen. Auf diese Weise konnte die Größe der Büros mit variablen Trennwänden je nach Bedarf verändert werden. Selbst das Gewicht der scheinbar filigran wirkenden Schwingfenster mit ihren hellblauen Rahmen war gigantisch: Bei 800 Stück kam man locker auf ein Gewicht von 125Tonnen. Aus Schallschutzgründen waren sie als Doppelfenster mit innenliegenden Jalousien konzipiert. Ein feststehender unterer Bereich ermöglichte das praktische Öffnen der Flügel, ohne daß die Fensterbänke immer wieder abgeräumt werden mussten.

Das Konzept der Bauherren und die Ausführung des Entwerfers ist aufgegangen: Erst vor kurzem wurden einige bauliche Veränderungen am Eingang und im Foyer realisiert. Über dem nahezu vollständig verglasten Erdgeschoss scheint seither das Hochhaus förmlich zu schweben.

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