Aachen: Hilft nur noch Tempo 30 für ganz Aachen?

Aachen : Hilft nur noch Tempo 30 für ganz Aachen?

Die anhaltend miese Luftqualität in der Stadt ist für fünf Aachener Umwelt- und Verkehrsverbände Anlass, für eine flächendeckende Einführung von Tempo 30 im Aachener Stadtgebiet zu plädieren. Es könnte eine Lösung für das Feinstaubproblem sein und zugleich den Verkehr sicherer machen, teilen sie in einer Pressemitteilung mit.

Unter anderem verweisen sie auf die Erfahrungen in Berlin, wo an zahlreichen Hauptverkehrsstraßen „durch Tempo 30 eine erhebliche Verbesserung der Luftqualität erzielt werden konte“, schreiben sie. Nicht anders als in Aachen ist allerdings auch in Berlin die Belastung mit Stickstoffdioxid und Feinstaub immer noch zu hoch. Die vorgegebenen Grenzwerte werden oft überschritten — trotz Umweltzone und Tempolimits.

Weniger Lärm

Neben der Reduzierung von Feinstaub biete flächendeckendes Tempo 30 jedoch auch viele weitere Vorteile, sind Allgemeiner Deutscher Fahrradclub (ADFC), Bund für Umwelt- und Naturschutz BUND, Greenpeace, Pro Bahn und Verkehrsclub Deutschland (VCD) überzeugt. Unter anderem würden auch die Lärmemissionen durch den Autoverkehr gemindert. Vor allem könnten jedoch auch viele Verkehrsunfälle vermieden werden.

In Sachen Verkehrssicherheit würde Aachen ohnehin schlechter als im Bundesdurchschnitt dastehen. Pro Jahr verunglücken hier im Schnitt rund 1450 Menschen, wovon 150 Kinder und 250 Fahrradfahrer betroffen sind. „Diese vielen Einzelschicksale würden sich durch eine reduzierte Geschwindigkeit im Stadtgebiet deutlich mindern lassen.“ Als positive Beispiele nennen die Verbände die Städte Graz in Österreich und Bilbao in Spanien, wo man mit Tempo 30 auf vielen Straßen gute Erfahrungen gemacht habe.

Dass sie die Debatte um ein flächendeckendes Tempolimit im Stadtgebiet nun befeuern, ist in erster Linie auf die jüngst bekanntgewordenen Messwerte an der Luftmessstation Wilhelmstraße zurückzuführen. Wie berichtet, wurde dort der Grenzwert für Feinstaub bis Ende September in Aachen bereits an 39 Tagen überschritten. Erlaubt sind nur 35 Tage im ganzen Jahr.

Aachen melde demnach die schlechtesten Werte in ganz Nordrhein-Westfalen. Im Bundesvergleich stehe Aachen auf Position sechs der schlechtesten Luftqualität bei 405 Messstationen. Aus Sicht der Aachener Umwelt- und Verkehrsverbände besteht daher dringend Handlungsbedarf, um kurzfristig die Luftqualität in Aachen zu verbessern.

Die besorgniserregende Feinstaubentwicklung führt die Stadt bislang jedoch in erster Linie auf die riesige Baustelle am Kaiserplatz zurück. Sie glaubt daher, mit dem vorliegenden Luftreinhalteplan nach wie vor auf dem richtigen Weg zu sein und somit auch weitergehende Verkehrsbeschränkungen wie eine Umweltzone vermeiden zu können. Auch ein flächendeckendes Tempo­limit ist in der Politik aktuell kein Thema. Aus Angst vor zürnenden Autofahrern dürfte dies sich mit Blick auf die Kommunalwahl im Mai derzeit auch kaum ändern.

„Die bisherigen Maßnahmen aus dem Luftreinhalteplan reichen bei weitem nicht aus“, sagt hingegen Helmut Hardy von Greenpeace. Anders als die Stadt sehen die Umwelt- und Verkehrsverbände weiterhin im Kraftfahrzeugverkehr den Verursacher für die überhöhten Feinstaubwerte. Die öffentlich zugänglichen Daten auf der Internetseite des Umweltbundesamtes sprechen aus Sicht des VCD gegen einen Zusammenhang mit der Baustelle, sagt Ralf Oswald. Demnach waren vor dem offiziellen Baubeginn der Kaiserplatzgalerie bereits 28 Überschreitungstage im Zeitraum Januar bis April zu verzeichnen. Nach dem Baubeginn im Mai waren „nur“ noch elf Überschreitungstage bis Ende September aufgetreten. Aus Sicht von Oswald, sollte die Stadt die Überschreitungstage mit Wetterdaten offenlegen, um einen Vergleich mit den staubintensiven Abbruchtagen am Kaiserplatz zu ermöglichen.

Sollte die Baustelle tatsächlich einen so starken Einfluss auf die Luftqualität in Aachen haben, hätte die Stadt jedoch ebenfalls per Auflagen dafür zu sorgen, die Staubbelastung zu reduzieren und gesunde Wohnverhältnisse zu gewährleisten, meint Dieter Formen vom BUND. Dass am Kaiserplatz mit Bau des Einkaufszentrums „Aquis Plaza“ zugleich 600 neue Autostellplätze geschaffen werden, nährt allerdings die Sorge vor weiter steigenden Verkehrsbelastungen. Verstärkt werben die Aachener Verkehrs- und Umweltorganisationen daher erneut für ihr im Oktober vorgelegtes „Mobilitätskonzept 2020“, das vor allem Verbesserungen für Radfahrer, Fußgänger und im öffentlichen Nahverkehr vorsieht, um den Autoverkehr zurückzudrängen.

Weniger Unfälle

Und solange Politik und Verwaltung in Aachen mehrheitlich eine Umweltzone ablehnen — auch wegen der Sorge, dass dann viele Besucher aus den angrenzenden Ländern wegbleiben könnten —, sei eben ein stadtweites Tempo 30 eine denkbare Lösung. Dafür würde auch eine Studie der Uni Essen sprechen, die zeigt, dass sich dann nicht nur weniger Unfälle ereignen, sondern die Unfälle auch weniger schwere Folgen haben.

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