Aachen: Harald Nickoll: „Meine Schüler zünden keine Rauchbombe“

Aachen : Harald Nickoll: „Meine Schüler zünden keine Rauchbombe“

Musik ist das Leben dieses Mannes. Und Bildung ist es auch. Harald Nickoll (62), geboren in Aachen, studierte Gitarre, Gambe, Chor- und Orchesterleitung inklusive Klavier und Gesang. Es folgte der Gedanke: „Ich kann in vielen Dingen ein bisschen mitreden.“

Und die Idee, deshalb seine berufliche Zukunft in der Musikschule zu suchen. Ein Glücksfall für die Musikschulen, wie sich herausstellte. Seit fünf Jahren, seit Oktober 2011, für die in Aachen. Seit dieser Zeit leitet er das Haus am Blücherplatz. Davor war er 20 Jahre lang Leiter der Kreismusikschule im Kreis Neuss und davor sechs Jahre lang Musikschulleiter in der Nähe von Moers. Er ist einer der dienstältesten seiner Zunft in Nordrhein-Westfalen.

Ziemlich genau fünf Jahre sind Sie nun als Leiter an der Musikschule in Aachen. Können Sie in zwei, drei Sätzen eine Bilanz ziehen?

Nickoll: Also für mich war die Türe hier offen, ich habe nur großen Zuspruch erfahren und alle Dinge, die ich hier angegangen habe, sind mir ermöglicht worden. Das ist schon eine hohe Qualität, nicht nur eine hohe Wertschätzung meiner Person, sondern auch eine hohe Wertschätzung der Aufgabe, die wir hier haben — nämlich die musische Bildung von Kindern zu gewährleisten. Wir sind mit einem ganz wichtigen Auftrag am Start und tragen auch zum sozialen Frieden in der Gesellschaft bei. Meine Schüler — da kann ich für alle sprechen —, die werfen keine Flasche auf die Straße und die zünden auch keine Rauchbombe am Tivoli.

Das klingt sehr positiv. Aus städtischen Eigenbetrieben, gerade aus dem Bereich der Kultur, rechnet man mit Wehklagen über klaffende Finanzlöcher oder zumindest rapide dahinschmelzende Rücklagen. Sie haben keine Geldsorgen?

Nickoll: Ich habe ein Budget und das muss ich einhalten, wie jeder andere auch. Eigentlich ist man damit ja nie zufrieden. Ich muss aber sagen, dass ich wohl zufrieden bin. Wir haben uns durch Optimierung besser aufgestellt und der Politik und Verwaltung Dinge, in denen wir nachsteuern wollten, immer transparent und nachvollziehbar gemacht, so dass wir auch verstanden wurden.

Wir haben die inhaltliche und musikpädagogische Struktur verbessert und beschulen mehr Kinder als je zuvor. Insgesamt ist die Einnahmenseite besser geworden, obwohl wir im Vergleich zu ganz NRW eklatant gute Ermäßigungen bieten. Mit einem Aachenpass zahlen Sie zum Beispiel nur noch 50 Prozent.

Das ist also das Geheimnis Ihrer Zufriedenheit?

Nickoll: Jedenfalls ist es prima und beruhigend. Aber worüber ich mich am meisten freue ist, zu spüren, dass die Aachener ihre Musikschule lieben. Ich weiß, dass der ganze Stadtrat, dass alle Parteien und die Verwaltung hinter der Musikschule stehen und alle wollen, dass es hier gut läuft. Die wollen, dass dieses Haus, diese Bildungseinrichtung in Aachen etwas bewirkt. Und ich glaube, das klappt ganz gut.

Wie viele Schüler erhalten im Moment Musikschulunterricht?

Nickoll: Deutlich über 4000 Schülerinnen und Schüler derzeit, davon kommen etwa 2700 in den Instrumentalunterricht zu uns, und zwischen 1500 und 1700 bekommen in Grundschulen, Gymnasien und in Kooperationen Musikschulunterricht. Die Kooperationen sind in meiner Zeit als Leiter sehr ausgebaut worden.

Inwiefern?

Nickoll: Als ich hier anfing, habe ich erst einmal den Fachbereich Kooperationen gegründet. Wir sind die einzige Musikschule in ganz Deutschland, die einen solchen Fachbereich hat. Die Leiterin knüpft Kontakte zu Kitas, Schulen oder zu kirchlichen Einrichtungen und stellt die Möglichkeiten vor, die wir „outdoor“ umsetzen können — zum Beispiel Jekiss oder Streicherklassen, Bläserklassen, Gitarrenklassen und so weiter.

Viel Licht, ein wenig Schatten gibt es aber auch. Zuletzt war die Abrechnung pro Quartal vielen Kunden ein Dorn im Auge. Sie haben die auch nie gemocht. Warum?

Nickoll: Zahlt man monatlich, ist es keine so große Belastung, als wenn man gleich drei Monate auf einmal zahlen muss. Es gibt vielleicht Menschen, die nicht so viel Geld zurücklegen können, Alleinerziehende etwa. Dass es sich dabei um ein drängendes Problem handelt, hat sich noch einmal in der Wahl zum Elternbeirat gezeigt: die neue Vorsitzende Conny Stenzel-Zenner kannte vor der Wahl niemand.

Sie ist mit dem Thema in die Wahl gegangen und hat mit Abstand die meisten Stimmen bekommen. Die schweigende Mehrheit hat sich per Wahl geäußert. Und wir haben es geschafft: Ab dem 1. Januar wird monatlich abgerechnet. Die Briefe an die Eltern gehen kommende Woche raus.

Und Sie haben den kaiserzeitlichen Amtsstubenmief aus der Schulordnung entfernt ...

Nickoll: Genau, wir haben die Schulordnung sozusagen flurbereinigt, haben eine barrierefreie Sprache entwickelt, so dass jeder sie lesen kann, auch wenn er vielleicht nicht ganz so gut Deutsch versteht. Vorher hat die Sprache eher mittelalterlich angemutet. Das hat nicht mehr zum Inhalt gepasst, denn die Musikschule ist viel lockerer geworden, als das früher mal war und sehr offen. Sie hat sich mit der Gesellschaft gewandelt. Außerdem startet der Unterricht nach Anmeldung jetzt nicht mehr in den Ferien, sondern man legt gleich mit Unterricht los. Die wichtigen Termine fürs Anmelden oder Ausscheiden sind von nun an der 1. April und der 1. Oktober.

Diskussionen gab es lange Zeit auch um Honorarkräfte, weil die viel schlechter gestellt waren als Festangestellte. Aber auch da haben Sie an einer Lösung mitgearbeitet?

Nickoll: Ja, gemeinsam mit Politik, Verwaltung und Personalrat. Unser Modell besteht zunächst einmal aus der Transparenz und der Erkenntnis, dass wir Menschen in dieser Weise in einem Segment beschäftigen, in dass es so eigentlich nicht passt. In einer Kooperation mit einer Schule zum Beispiel muss ich die Garantie geben, dass ich den Stundenplan über das ganze Schuljahr aufrecht erhalten kann.

Mit Festangestellten klappt das in der Regel. Aber jede Honorarkraft kann von heute auf morgen gehen und das tut sie auch, wenn sie etwas besseres findet. Als ich hier angefangen habe, gab es ein ungutes Verhältnis in der Zahl von Festangestellten zu Honorarkräften — etwa 50 zu 50. Unser Plan ist, 2020 bei einem Verhältnis von 75 zu 25 angelangt zu sein. Das ist ein Ergebnis von mehreren Jahren Arbeit und Diskussionen. Ein paar Honorarkräfte braucht man aber nach wie vor, weil die einfach flexibler sind. Und einige wollen auch einfach Honorarkraft sein.

Dieses Modell hat inzwischen sogar einen Namen erhalten.

Nickoll: Genau. Mittlerweile wird das „Aachener Modell“ zum Beispiel in Münster genau in der Form umgesetzt. In Leverkusen ebenfalls, dort ist es mit unseren Vorlagen trotz all der Kürzungen im kulturellen Bereich gelungen, genau das gleiche Ergebnis zu erzielen.

Gemeinsam mit 50 Kollegen haben Sie das Modell der Instrumentalen Orientierungsstufe für Kinder entwickelt und auch in Aachen installiert. Worum geht es dabei?

Nickoll: Um eine Vorstufe der Instrumentenauswahl, also darum, die Art der Tonbildung herauszufinden, die zum Talent eines Kindes passt. Diese Orientierungsstufe dauert sechs Monate, während der für jedes Kind zehn Instrumente geprüft werden. Am Ende gibt es eine Expertise und eine Auswertung. Wir haben das mal evaluiert und bei den Kinder aus der Instrumentalen Orientierungsstufe festgestellt, dass die Abmeldungsquote gleich null ist.

Ein Projekt, das von der Musikschule mit angestoßen wurde, ist auch Jekiss — „Jedem Kind seine Stimme“. Davon hört man aber kaum mehr etwas, oder täuscht der Eindruck?

Nickoll: Der Eindruck täuscht. Aktuell werden von uns elf Schulen mit Jekiss beschult. Teilweise sogar schon im zweiten Jahr, weil die uns einfach nicht weglassen wollen. 24 von 38 Grundschulen in Aachen haben insgesamt teilgenommen. Bei der letzten Chorbiennale haben wir mit dem großen Jekiss-Chor mit 700 Kindern auf der Katschhoftreppe gesungen und das wird auch bei der nächsten Chorbiennale wieder so sein. Man hört davon kaum noch etwas, einfach weil 24 Schulen schon teilgenommen haben und die jetzt alleine weitermachen.

Was versteckt sich hinter dem Drehtürmodell?

Nickoll: Während Jekiss für Grundschulen war, ist das Drehtürmodell für weiterführende Schulen. Derzeit machen wir das an fünf Gymnasien in Aachen. Während der Schulzeit können die Kinder ihren Instrumentalunterricht nehmen. Der Musikschullehrer sitzt also mit seinem Stundenplan vormittags in der Schule und hat da seinen Stundenplan, und seine Schüler und die Eltern brauchen nicht mehr so oft hin- und herzufahren.

In etwa drei Jahren — Ende 2019 — werden Sie sich in den Ruhestand verabschieden. Worauf wollen Sie sich bis dahin besonders konzentrieren?

Nickoll: Jegliche Vernetzung mit anderen Einrichtungen, um daraus Profit zu ziehen. Natürlich dann, wenn auch die Gegenseite einen Gewinn hat. Dieses Isolierte, hier in unserem schönen Kammermusiksaal tolle Konzerte spielen — das ist nicht Musikschule. Musikschule muss überall sein. Überall da, wo Menschen sind.

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