Städteregion: Häusliche Gewalt: Wenn das eigene Zuhause zum Tatort wird

Städteregion : Häusliche Gewalt: Wenn das eigene Zuhause zum Tatort wird

Das eigene Zuhause sollte eigentlich ein Ort der Sicherheit und Geborgenheit sein. Insbesondere für viele Frauen ist es das aber nicht: Sie werden Opfer von häuslicher Gewalt und benötigen Hilfe auf ihrem Weg zurück in ein geregeltes Leben.

Diese bekommen sie von der Fachstelle gegen häusliche Gewalt in Alsdorf und der Beratungsstelle „Frauen helfen Frauen“ in Aachen. Die beiden Einrichtungen haben nun die Zahlen für das zurückliegende Jahr vorgestellt — mit sowohl positiven als auch negativen Entwicklungen.

Denn soviel vorneweg: die von den Beratungsstellen erfassten Zahlen beziehen sich auf die Beratungen, und nicht auf die tatsächliche Anzahl der Fälle häuslicher Gewalt in Aachen und der Städteregion. Demnach sind 2017 in der Stadt 230 Personen und im Altkreis 211 Personen den Beratungsstellen zugewiesen worden. Das bedeutet für die Städteregion ohne Stadt Aachen eine Stagnation, für Aachen selbst aber eine signifikante Steigerung um 37 Fälle gegenüber dem Jahr zuvor.

Was das bedeutet, sei aber schwer zu sagen, wie Sylvia Reinders sagt, die Opferschutzbeauftragte der Polizei Aachen. Höhere Beratungszahlen könnten sowohl ein Hinweis auf ein tatsächliches Wachstum von Fällen häuslicher Gewalt sein, als auch ein Beleg für die verstärkte öffentliche Aufmerksamkeit dem Thema gegenüber. „Auch innerhalb von Familien bewirkt dieses Bewusstsein etwas, wenn bereits die Kinder merken, dass es nicht ohne Folgen bleibt, wenn beispielsweise der Vater die Mutter schlägt.“

Dass Betroffene in Eigeninitiative die Interventionsstellen aufsuchten, sei dennoch die absolute Ausnahme, erklärt Gitta Hirschmann von der Fachstelle für häusliche Gewalt. Meist würden diese von der Polizei den Beraterinnen zugewiesen, welche dann im Gespräch die Hilfesuchenden auf ihren weiteren Schritten beraten. Häufig gehe es dabei um die Klärung der Wohnsituation, die Obhut der Kinder oder den Umgang mit der weiteren Bedrohung durch Tatverdächtige, sagt sie.

„Dabei zeigt die Statistik für 2017 einen besorgniserregenden Trend: Wir haben nämlich festgestellt, dass häusliche Gewalt zunehmend auch von den Kindern ausgeht und sich gegen die Eltern richtet“, sagt Renate Wallraff, die Leiterin der zuständigen Fachstelle in Alsdorf. In der Stadt Aachen seien elf und im Altkreis 20 solcher Fälle statistisch erfasst worden. Wie bei anderen Erfahrungen von Gewalt in den eigenen vier Wänden werde jedoch auch dieses Problem von den Betroffenen aus Scham oft verschwiegen, so Wallraff.

Das bestätigt auch Natalia Uslu von der Beratungsstelle „Frauen helfen Frauen“, die in Aachen für die Beratung zuständig ist. „Es geht in erster Linie darum, in den ersten Gesprächen die Ohnmacht zu nehmen und die Betroffenen nötigenfalls auch beim Gang vor Gericht zu begleiten“, erklärt sie. All dies könne die Polizei nicht leisten, da diese sich auf die strafrechtliche Verfolgung konzentriere. Die Beraterinnen hingegen unterliegen der Schweigepflicht, und so können sich Opfer von Gewalt auch ohne vorherige Anzeige jederzeit an die Interventionsstellen wenden.

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