Aachen: Grüne fordern Verteilung von Jodtabletten an alle

Aachen : Grüne fordern Verteilung von Jodtabletten an alle

Her mit den Jodtabletten! Das fordern die Grünen in einem Ratsantrag. Im Falle eines Störfalls im belgischen Kernkraftwerk Tihange sollte die Aachener Bevölkerung nach ihrer Ansicht die Pillen direkt zur Hand haben. Erst dann mit der Verteilung zu beginnen, hält Sabine Göddenhenrich für „kontraproduktiv“.

Dabei weiß auch die umweltpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, dass mit solchen Jodtabletten „nicht die Folgen eines Fall-Outs zu bekämpfen sind“. Aber immerhin könne mit dieser Maßnahme die Bevölkerung der Gefahr von Schilddrüsenkrebs begegnen. Sollte nämlich bei einem Unfall in dem 60 Kilometer entfernten Reaktor radioaktives Jod freigesetzt werden, wäre die Wolke je nach Windstärke flott in Aachen.

„Wenn radioaktives Jod in großen Mengen durch die Luft fliegt“, so Göddenhenrich, „wird es vor allem von Kindern, Jugendlichen und jungen Leuten schnell aufgenommen und in der Schilddrüse gespeichert.“ Verhindern würde das eine sogenannte Jodblockade: Bei rechtzeitiger Einnahme der Tabletten wäre die Schilddrüse gesättigt und würde kein radioaktives Jod mehr aufnehmen. „Das muss aber vorher passieren“, betont Fraktionsgeschäftsführer Helmut Ludwig, „nachher bringt es nichts mehr.“

Früh genug sei das aber kaum zu schaffen, fürchten die Grünen, wenn die zentral gelagerten Tabletten erst nach dem Alarm an die Bevölkerung verteilt würden. Sie gehen davon aus, dass in dieser Situation die Menschen vor der Wolke davonkommen wollen, ein entsprechendes Verkehrschaos wäre zu erwarten. Die Oppositionsfraktion bezweifelt, dass eine geregelte Verteilung der Tabletten zu bewerkstelligen wäre.

Aber auch bei einem ruhigeren Szenario sehen die Grünen Probleme: Der frühere Feuerwehr-Dezernent Lothar Barth habe gesagt. dass die Bevölkerung im Ernstfall aufgefordert würde, die Häuser nicht zu verlassen, berichtet Helmut Ludwig. Bei einer Ausgabe der Tabletten etwa in den jeweiligen Wahllokalen müssten die Leute dann aber doch wieder ins Freie. Und wer soll überhaupt noch nach einem Atomunfall an der Maas in Aachen im Freien herumlaufen, um die zentral gelagerten Jodtabletten zu verteilen? Diese Frage sei bislang noch nicht beantwortet worden, bemängelt Sabine Göddenhenrich.

Dabei weiß auch sie, dass Katastrophenschutzpläne in solchen Fällen „zentral geregelt“ würden. Im Falle der Jodtabletten gehe es jedoch um eine „dezentrale Sache“. Der Verweis der Verwaltung darauf, dass im Fall des Falles höhere Stellen zuständig seien, überzeugt sie nicht. „Man verschließt die Augen davor.“

Dabei hätten die Grünen immer darauf gedrungen, dieses Thema anzugehen, berichtet Kaj Neumann, der für die Partei als sachkundiger Bürger im Umweltausschuss sitzt. „Es hieß immer, dass sei Sache der Bezirksregierung“. Dabei begrüßt er durchaus einen Antrag von CDU und SPD im Bürgerforum, Vertreter der Kölner Behörde dort ebenso wie Abgesandte der deutschen und belgischen Atomaufsicht einmal ihre Sicht der Dinge erklären zu lassen. Passiert sei bislang aber noch nichts, deshalb „wollen wir das jetzt noch einmal auf die Tagesordnung setzen“.

Zumal die Grünen argwöhnen, dass bei den Plänen zur Tablettenausgabe die Feuerwehr eine Rolle spielen soll. Dass die Wehrleute in einem solchen Fall jedoch mit anderen Aufgaben mehr als ausgelastet seien, hat Helmut Ludwig einem Hinweis der „Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren“ Deutschlands entnommen. „Ich würde diesen Experten als Verwaltung nicht widersprechen wollen“, sagt er.

Den mitunter gehörten Vorwurf der Panikmache weist Neumann zurück: „Feuerlöscher und Warnwesten sind auch keine Panikmache, es geht um Prävention .“

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