Grüne beklagen Stillstand in Aachen und reichen fünfseitigen Ratsantrag ein

Innenstadtentwicklung : Grüne: „Das Problembewusstsein ist nicht vorhanden“

Erst langten die Aachener Architekten zu, jetzt legen die Grünen nach. Unter dem Titel „Aachen kann mehr: Innenstadt neu denken und leben“ haben sie einen ungewöhnlich ausführlichen Ratsantrag eingereicht, mit dem sie auf fünf Seiten nicht nur einen neuen Aufbruch fordern, sondern auch die Versäumnisse der schwarz-roten Ratsmehrheit und des Oberbürgermeisters anprangern.

Reiner Zufall sei es, dass der Grünen-Antrag an die jüngst veröffentlichte Kritik des Bunds Deutscher Architekten (BDA) quasi nahtlos anknüpft, sagt Planungspolitiker Michael Rau. Gemeinsam mit der Fraktionsvorsitzenden Melanie Seufert und dem Mobilitätspolitiker Kaj Neumann erläuterte er jetzt die Zielrichtung des Antrags, an dem die Fraktion seit Dezember gearbeitet habe. Die zeitliche Nähe der Veröffentlichungen bestätige den Eindruck, dass immer mehr Menschen das Gefühl haben, es stimme etwas nicht in der Stadt. „Der Unmut lässt sich nicht mehr negieren“, sagt Rau. Aachen werde mittelmäßig und beliebig, warnen die Grünen. „Die Kluft zu benachbarten Städten wird immer größer.“

Sie verweisen auf den Leerstand ganzer Straßenzüge, den klagenden Einzelhandel, die verstopften Straßen in der Innenstadt, den unzureichenden Nahverkehr und zögerliche Investoren. „Es bewegt sich nichts“, hatten jüngst auch die Architekten in ihrem Brandbrief bemängelt, die aber sogleich eine Abfuhr des Oberbürgermeisters und der Vertreter der Ratsmehrheit erhielten. Diese Reaktion sei „das Falscheste, was man machen kann“, finden die Grünen. Sie fordern stattdessen: „Nicht abblocken, sondern ins Gespräch kommen.“

Vor allem darauf zielt auch ihr Antrag ab: „Wir wollen eine wichtige Diskussion voranbringen“, sagt Neumann. Workshops und Konferenzen mit Bürgern und Experten schweben ihnen vor, um „neue Ideen und Konzepte für eine ‚Zukunft Innenstadt Aachen‘ zu diskutieren und Umsetzungsstrategien zu entwickeln“. Konflikten dürfe man nicht aus dem Weg gehen, fordert Neumann. Auch er kritisiert die Abwehrreaktion der Ratsmehrheit auf den BDA-Brief: „Sie sind nicht in der Lage, den Ball aufzunehmen und die Themen anzupacken.“ Das Problembewusstsein sei offenbar nicht vorhanden.

Was aus Sicht der Grünen besser werden muss, haben sie in dem Antrag ebenfalls schon niedergeschrieben. Die Innenstadt werde in Zeiten des Internethandels nicht mehr über den Einzelhandel definiert, sagt Rau. Das habe Konsequenzen für die Stadtplanung. Gefragt sind neue Konzepte für Gastronomie, städtische Kultur, Freizeitangebote oder Grünflächen. Verabschieden müsse man sich möglicherweise von einigen Fußgängerzonen – etwa in der Großkölnstraße – wo künftig mehr das Wohnen als das Einkaufen im Mittelpunkt stehen könnte. Stattdessen sollte aus Sicht der Grünen in der Theaterstraße und am Theaterplatz mit seinem historischen Ambiente endlich mehr Platz für Außengastronomie geschaffen werden. Kritisch sollte man ihrer Meinung nach auch auf die Entwicklung in der Pontstraße blicken und sich fragen, ob die Partymeile nicht auf ein anderes Niveau gebracht werden könne.

Die Verkehrswende ist der Schlüssel für eine attraktive Innenstadt, sind die Grünen überzeugt. Andere Städte, auch in den Nachbarländern, hätten dies längst umgesetzt, Aachen hänge deutlich hinterher, bemängelt Neumann. Wer die Autos aus der Innenstadt raushält und in Parkhäusern abfängt, schränke die Mobilität nicht ein, sondern schaffe im Gegenteil die Voraussetzung für Mobilität, sagt er. Radfahrer und Fußgänger erhielten mehr Platz, Busse kämen schneller vorwärts, die Aufenthaltsqualität werde verbessert.

Stark machen sich die Grünen auch für neue Marktangebote, etwa auch einen Feierabendmarkt, wie ihn bereits die FDP gefordert hat. Die Straße sollte zur Bühne für Straßenmusiker und Straßenkünstler werden, weitere Events ähnlich dem „Domspringen“ sollten in die Innenstadt geholt werden. Und natürlich sollte auch „qualitätsvolle Architektur“ geschaffen werden – bauliche Hingucker wie das Super C. Dafür müsse sich die Stadt auch aus der Umklammerung der beiden Aachener Großinvestoren Sauren und Hermanns lösen und Interessenten „von außen holen“, fordert Rau.

In seiner Ideenfülle ist der Antrag schon jetzt ansehnlich, so dass sich die Frage aufdrängt, ob weitere „kreative Prozesse“ wie Workshops, Konferenzen oder „Think Tanks“ überhaupt noch nötig sind. Auch verweisen sie selbst auf das vorliegende Innenstadtkonzept 2022 und den Masterplan 2030, der nach wie vor die richtigen Perspektiven aufzeige. Wichtiger ist daher anderes: „Wir wollen eine andere Stimmung in der Stadt herstellen“, sagt Rau: „Nicht nur reden, endlich etwas tun.“

Dieses Manko hat allem Anschein nach auch die schwarz-rote Ratsmehrheit erkannt, die ebenfalls an einem Ratsantrag zur Innenstadtentwicklung arbeitet, der dem Vernehmen nach in der kommenden Woche vorgestellt werden soll. Die Stoßrichtung ist ähnlich: Die personellen Voraussetzungen schaffen, um Schlüsselprojekte wie am Büchel oder Bushof voranzutreiben und den Wandel von der Einkaufsstadt zum Erlebnis- und Aufenthaltsort hinzukriegen.