Besondere Messe in St. Severin: „Gott hat auch starke Töchter“

Besondere Messe in St. Severin : „Gott hat auch starke Töchter“

Pfarrer Alexius Puls ging am Sonntag zielstrebig um kurz vor 11 Uhr auf den Haupteingang der Eilendorfer Kirche St. Severin zu. Drinnen sollte um 11.15 Uhr die Messe beginnen, vor der Kirchentür hatten sich rund 100 Frauen und 20 Männer versammelt – manche mit Plakaten, einige mit zugeklebten Mündern. Puls ließ sich davon nicht beirren: Ein kurzer Gruß an die Herren vom Kirchenvorstand, dann war er in der Kirche verschwunden.

„Uns spricht er nicht an“, stellte Ulrike Begiebing von der katholischen Frauengemeinschaft Eilendorf KFD konsterniert, aber nicht überrascht fest. Der in Münster initiierte Kirchenstreik der Initiative „Maria 2.0“ ist eigentlich seit einer Woche beendet. Ehrenamtlich engagierte Frauen hatten damit deutlich gemacht, dass sie die gleichberechtigte Teilhabe an allen Leitungsämtern – auch an den Weiheämtern – in der katholischen Kirche fordern.

Die Eilendorfer KFD hatte den Protest allerdings verschoben, denn am 18. Mai feierte der Instrumentalverein Eilendorf sein 150-jähriges Bestehen mit einem großen Gottesdienst in St. Severin. „Das wollten wir nicht stören“, erklärte Organisatorin Angelika Quadflieg vom KFD-Regionalvorstand Aachen.

Gottesdienst auf der anderen Straßenseite

Auch am Protesttag waren die Protestlerinnen denkbar rücksichtsvoll. Kurz vor Messbeginn lotsten Ulrike Begiebing und ihre Mitstreiterinnen die Streikenden runter vom Kirchengelände auf die andere Straßenseite. Dort feierten sie ihren eigenen Gottesdienst. Ohne Mikrounterstützung. Die, die sich für die Messe unter Leitung von Pfarrer Puls entschieden hatten, sollten sich nicht belästigt fühlen. Es waren ungefähr ebenso viele wie draußen.

Der Kirchenvorstand und der Pfarreirat verfolgten allerdings mehrheitlich den Wortgottesdienst der KFD. „Die Kirche hat nur Bestand, wenn wir die Arbeit partnerschaftlich leisten – Männer und Frauen“, erklärte Heinz-Günter Jünger, stellvertretender Vorsitzender des Kirchenvorstands die Solidarität.

Kampf für gleiche Rechte

Manche Frau schöpft nach Jahrzehnten der Frustration und der Resignation durch den Aufstand des weiblichen Kirchenvolkes wieder leise Hoffnung. Wie Anne Datené: „Ich kämpfe seit 53 Jahren für eine gleichberechtigte Kirche. Denn Gott hat nicht nur starke Söhne, sondern auch starke Töchter“, meinte sie. Sie ist sich aber auch bewusst, dass „wir die Veränderung nicht mehr erleben werden. Aber wer, wenn nicht wir, soll die Frage offen halten?“

Dass die Bibel voll ist mit starken Frauengestalten, die in der Urkirche entscheidende Führungsrollen mit Verkündigungsauftrag übernommen haben, verdeutlichten die Eilendorfer KFD-Frauen beim Gottesdienst. Spontaner Applaus brandete auf, als Angelika Quadflieg ein Gebet der Karmeliterin Teresa von Avila vorträgt. Die offizielle Kirchenlehrerin schrieb bereits im 16. Jahrhundert: „Aber ich halte es in diesen Zeiten für Unrecht, wenn man starke und zum Guten begabte Geister zurückstößt, nur weil es sich um Frauen handelt.“ Die KFD-Frauen und ihre Unterstützer sind sich einig: 500 Jahre Warten auf Veränderung muss reichen.

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