Aachen: Glockengeläut erinnert an die Kapitulation vor 70 Jahren

Aachen: Glockengeläut erinnert an die Kapitulation vor 70 Jahren

Wie kapituliert man richtig? Diese Frage beschäftigte die Menschen, die vor 70 Jahren im Bunker an der Rütscher Straße Zuflucht gesucht hatten. „Gesucht wurde ein weißes Bettlaken“, weiß Hans-Joachim Geupel, der es von der Zeitzeugin Maria Bruders erfahren hatte.

Mangels Laken habe die erste deutsche Großstadt dann eine Babywindel gehisst, um den alliierten Truppen zu signalisieren, dass Aachen aufgibt.

Für die Stadt waren Krieg und Naziherrschaft am 21. Oktober 1944 vorbei, Ob das Ende schon als „Samenkorn“ für den Neubeginn begriffen wurde, ist eine dieser Fragen, die auch Geupel beschäftigen. Als Vorsitzender Bürgerstiftung Lebensraum Aachen kümmert er sich mit vielen Partnern um das Gedenken zum Jahrestag.

„70 Jahre Frieden und Freiheit in Aachen“ lautet das Motto, und Geupel betrachtet es ebenso als Verpflichtung für die Zukunft wie Alexander Lohe. Der persönliche Referent des Oberbürgermeisters erklärte in Vertretung für Marcel Philipp am Dienstag im Rathaus, warum das Erinnern für die Stadt so wichtig ist: „Damit reflektiert wird, was wir gewonnen haben, als wir den Krieg verloren haben.“

Nun hat nicht nur die Stadt den Krieg verloren, sondern das ganze Deutsche Reich. Aber Aachen hat damit angefangen. „Es war die erste deutsche Großstadt, die von alliierten Truppen eingenommen wurde“, erinnert Lohe, wohl wissend, dass etwa Roetgen oder auch Baesweiler schon Tage früher von der Front überrollt worden waren. In Aachen hätten sich mehrere Tausend Einwohner einem Evakuierungsbefehl widersetzt, für die nach der Kapitulation gesorgt werden musste.

Doch die Alliierten seien vorbereitet gewesen auf den symbolträchtigen Fall von Deutschlands erster Großstadt. Viele Aufgaben hätten sie direkt in die Hände von Aachenern gelegt und mit Franz Oppenhoff schon zehn Tage nach der Kapitulation einen zivilen Oberbürgermeister eingesetzt. Und so habe letztlich eine Nachkriegsordnung nach dem Muster westlicher Demokratien in Aachen ihren Anfang genommen. Lohe leitet daraus die Verpflichtung ab, die Demokratie zu stärken und die Erinnerung an die finsteren Kapitel der Geschichte auch bei jungen Leuten nicht vergessen zu lassen.

Diesem Zweck dient auch die Gedenkveranstaltung am 21. Oktober im Ballsaal des Alten Kurhauses. Sie markiert für Geupel den Endpunkt eines Projekts, dass vor etwa einem Jahr begonnen hatte. Seinerzeit wurde eifrig über den Abriss des Bunkers an der Rüttscher Straße diskutiert, der in den letzten Kriegstagen die Wehrmachtskommandantur beherbergte. Und so begann Geupel mit Partnern etwa bei der Volkshochschule und beim Geschichtsverein, das Erinnern zu organisieren.

Dazu gehört auch die Arbeit der beiden Historiker René Rohrkamp und Peter Quadflieg, die nicht nur das Geschehen vor 70 Jahren aufarbeiteten, sondern auch dessen Wahrnehmung mit wachsendem zeitlichen Abstand. Gefunden wurden auch 15 Zeitzeugen, worüber Geupel sehr glücklich ist. „Das sind ja alles Leuten zwischen Anfang und Ende 80“, sagt er.

Sie werden bei der Gedenkveranstaltung am 21. Oktober im Ballsaal ebenso zu Wort kommen wie der amerikanische Generalkonsul Stephen A. Hubler, die Bundestagsvizepräsidentin Ulla Schmidt, der Organisator des Friedenslaufes „Flame for Peace“, Heinz Jussen, oder auch Aachener Schülerinnen und Schüler. Die Gesprächsrunden werden moderiert von AN-Lokalchef Achim Kaiser und musikalisch aufgelockert von Heribert Leuchter und Band.

Präsentiert werden auch zwei Ausstellungen: Eine besteht aus Bildern von Schülerinnen und Schülern des Rhein-Maas-Gymnasiums und des Pius-Gymnasiums, die nach den Worten von Geupel „einfach gut zum Thema passen“. In der zweiten Schau stellt der Fotograf Andreas Herrmann den alten Bildern der Zerstörung aktuelle Aufnahmen der heutigen Situation gegenüber.

Geupel und Lohe hoffen auf einen vollen Ballsaal am 21. Oktober, obwohl die Veranstaltung für Berufstätige ungünstig terminiert ist. Um 11.30 Uhr soll sie beginnen. „Das ist Mittagszeit, das ist mir klar“, sagt Geupel, aber das habe historische Gründe: 70 Jahre zuvor sei die Kapitulation kurz nach 12 Uhr unterschrieben worden. Zur Erinnerung daran werden am 21. Oktober alle Aachener Kirchenglocken läuten. „Das wird eindrucksvoll“, meint Geupel.

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