Aachen: Glockengeläut des Doms ist bis in die Fundamente zu spüren

Aachen: Glockengeläut des Doms ist bis in die Fundamente zu spüren

Wer hoch über den Dächern Aachens im Glockenturm des Doms steht und unvorbereitet einen Stundenschlag erlebt, den trifft fast der sprichwörtliche Schlag: Ein Gong, der einem fast die Bretter unter dem wackligen Boden wegzieht. Denn die gesamte Holzkonstruktion des 74 Meter hohen Westturms vibriert. Dabei ist der Glockenschlag quasi nur das Vor- oder Zwischenspiel.

Da wird nämlich nur mit einem Hammer auf eine Glocke geschlagen. Viel stärker noch sind die Erschütterungen, wenn an hohen Feiertagen oder Neujahr alle acht Glocken in Bewegung gesetzt werden. Dombaumeister Helmut Maintz: „Da geht richtig die Post ab.“

Der Schaltkasten wird von Monteur Antonio Jimenez überprüft, hier mit Dombaumeister Helmut Maintz: „Man kann nicht mehr per Hand ziehen.“ Foto: Ralf Roeger

Die Erschütterungen sind dann messbar bis in die Fundamente des weltweit bedeutsamsten Beispiels karolingischer Architektur. Seit 2012 sind sie auch wissenschaftlich belegt. Da wurde nämlich eine Erdbebenmessstation in der Nähe der Annakapelle installiert. Maintz: „Irgendwann riefen die an und fragten: Was ist denn jeden Sonntag um 10 Uhr bei Euch los.“ Das Geläut zum Hochamt hatte auf den empfindlichen Geräten deutliche Ausschläge hervorgerufen.

Am Montag schwiegen die acht Glocken allerdings weitgehend, nur die Viertel- und vollen Stunden wurden angezeigt. Die routinemäßige, jährliche Wartung stand an. Schrauben wurden nachgezogen, mechanische Teile, etwa die Klöppel überprüft, die Lager gefettet. Ganz oben steht in luftiger Position Glockenmonteur Reinhard Herrmann, seit 25 Jahren beschäftigt bei der Glockengießerei Petit und Gebr. Edelbrock.

In der DDR hatte der 59-Jährige Mess- und Regeltechniker gelernt und 1989 eine Stelle bei dem Traditionsunternehmen in Gescher angenommen. Zum Arbeitsschutz hat er einen Kopfhörer dabei, denn immer wieder müssen die Glocken einzeln oder zusammen gezogen werden, was übrigens auch per Hand geht. Belegte Brötchen holt er in der Mittagspause übrigens nicht: „Die 170 Stufen bis hier oben merkt man langsam.“

Aus Gescher stammt auch größte, die Marienglocke, 5,8 Tonnen schwer und am 12. Juni 1958 geweiht. Die sieben anderen sind deutlich älter, sie wurden im Stadtbrand 1656 ein Raub der Flammen und drei Jahre später erneuert.

„Die 6 hat einen Aussetzer gehabt“, erklären Herrmann und sein Kollege Antonio Jimenez ihrem Auftraggeber Maintz. Das bedeutet: Der Klöppel schlug nicht mehr auf beiden Seiten an. Maintz: „Im nächsten Jahr müssen wir auch das Holzjoch und den Klöppel von Glocke 6 austauschen.“ Das wird dann erheblich aufwendiger als nur die Wartung.