Aachen: Gewerbeverkauf: „Störfallbetrieb“ gefährdet auch den Ruhestand

Aachen : Gewerbeverkauf: „Störfallbetrieb“ gefährdet auch den Ruhestand

Leben im Gewerbegebiet Grüner Weg im Aachener Nordosten jeden Tag Tausende Menschen ahnungslos auf einer Zeitbombe? Wer von der haarsträubenden Geschichte hört, die das Ehepaar Fritz und Erika Zimmermann erzählen kann, muss das befürchten.

Fritz und Erika Zimmermann führen seit mehr als 30 Jahren in der in den Grünen Weg einmündenden Lukasstraße ihre Firma „AMZ — Auto Motor Zubehör“. Das Ehepaar ist im Rentenalter, weshalb es seinen Gewerbekomplex verkaufen und sich zur Ruhe setzen will.

Die Firma Caratgas am Grünen Weg ist als „Störfallbetrieb“ eingestuft. Die Bezirksregierung fordert 350 Meter Abstand.

An ihrem fast 2000 Quadratmeter großen Grundstück Lukas­straße 12 mit dem zweigeschossigen Gebäude und 1300 Quadratmetern Nutzfläche zeigt sich eine afrikanische Freikirchliche Gemeinde mit Hauptsitz im Ruhrgebiet interessiert. Sie plant ein Gemeindezentrum für Gottesdienste, Kinderbetreuung, Jugendtreff und Unterricht für Auszubildende. Über den Kaufpreis waren die Parteien sich schnell einig.

Die Kirchengemeinde beantragte, wie das Gesetzt es vorschreibt, bei der Stadt einen Vorbescheid für eine „Nutzungsänderung der Kfz-Werkstatt in ein Gemeindezentrum“. Die Stadt beschied ablehnend. Die Nutzungsänderung sei unzulässig.

Das erstaunte die Kaufinteressentin und macht sie vorerst noch ratlos. Das Ehepaar Zimmermann aber ist total perplex und entsetzt. Es spricht von einem „Skandal“, der einer „Zwangsenteignung sehr nahe“ komme. Es ist die Begründung durch den Fachbereich Bauaufsicht, die die Zimmermanns schockiert und für sie viele Fragen bis hin zur Altersversorgung aufwirft.

Der ablehnende Bescheid hat allerdings nicht nur das Zeug, die Privatleute rätseln zu lassen. Auch die Öffentlichkeit muss aufgeschreckt sein. Denn die Stadt hat, wahrscheinlich völlig unbeabsichtigt, schlafende Hunde geweckt.

„Brennbare Gase“

Gespickt mit Paragraphen, Verordnungen, deutschen und europäischen Richtlinien und mit einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs, lässt sich ihr Nein zum Einzug eines kirchlichen Gemeindezentrums in die Lukasstraße 12 kurz zusammenfassen: Die beantragte Nutzung könne zwar in einem Gewerbegebiet ausnahmsweise zugelassen werden, aber: „In der für das Verfahren maßgeblichen Umgebung liegt der Betrieb Caratgas (Güner Weg 64). Im Be-triebsbereich Caratgas werden brennbare Gase gelagert und abgefüllt“, schreibt die Bauaufsicht und fährt fort: „Zur Beherrschung der Gefahren bei schweren Unfällen mit gefährlichen Stoffen“ sei bei einer Baugenehmigung ein „angemessener Abstand“ von einem „Störfallbetrieb“ zu wahren.

Die Bezirksregierung Köln habe „für den Betrieb Caratgas einen Achtungsabstand von 350 Metern mitgeteilt“. Der Abstand zwischen dem „Störfallbetrieb“ und dem Gebäude Lukasstraße 12 betrage aber nur circa 250 Meter, sei also zu gering. Die Nutzung als Gemeindezentrum mit „relevantem Publikumsverkehr“ sei deshalb unzulässig, da es „nach der Eigenart des Baugebietes unzumutbaren Belästigungen oder Störungen ausgesetzt wird“.

Alarmierende Stichworte: Stör-fallbetrieb Caratgas, Gefahren bei schweren Unfällen mit gefährlichen Stoffen, unzumutbare Belästigungen und Störungen, Achtungsabstand.

Da liegt nun Caratgas, auch schon seit Jahrzehnten am Grünen Weg 64, stadtauswärts rechts mit 250 oder mehr Metern Straßenfront, eingezäunt mit blauem Eisengitter und simplem Maschendraht und hier und da Stacheldrahtverhau, auf dem Gelände hunderte große und kleine Gasflaschen in Grau, Grün und Braun und mittemang in der Sonne silbern blitzend ein riesiger Gastank, eine „dicke Zigarre“ wie ein Zeppelin, 15 Meter lang.

Am amtlich als „Störfallbetrieb“ deklarierten Unternehmen fahren jeden Tag auf dem Grünen Weg Tausende vorbei. Mit dem Pkw, mit dem Bus, per Rad oder sie gehen zu Fuß vorbei. Gegenüber ein großer Fachmarkt für Elektrogeräte, eine Kartonagenfabrikation und Internationale Spedition. Ein paar Meter schräg über die Straße die Aseag-Haltestelle, wo mittags Dutzende Schulkinder stehen. Im „Achtungsabstand“ eine Realschule, das Bürohaus eines Telenet-Riesen mit neun Firmen als Mieter und geschätzten 1000 Mitarbeitern, die Maler-Innung und die Diskothek Starfish, die jedes Wochenende ebenfalls Tausende anzieht.

Enormer Wertverlust

Von „Bestandsschutz“ meint Fritz Zimmermann bei vorsichtigen Rückfragen etwas gehört zu haben. „Bestandsschutz, das ist doch an sich schon lächerlich“, schüttelt er den Kopf, „wenn die Firma Caratgas, die es mehr als 30 Jahre gibt, wirklich in die Luft fliegen sollte, kommt dann der Bestandsschutz zum Tragen und die Firma explodiert um diese Gebäude herum?“

Fritz Zimmermann fragt: „Würde es nicht genügen, wenn die Firma Caratgas verpflichtet würde, um ihren Betrieb eine stabile Betonmauer zu setzen?“ Außerdem: Wenn es denn schon eine neue EU-Richtlinie gebe, sei es doch „sicher einfacher, einen Betrieb zu versetzen, als alle umliegenden Betriebe mit jeder Menge Einschränkungen zu versehen, die an Wertverlust nicht zu überbieten sind“.

Thema für die Politik?

Er könne sein Grundstück quasi nicht verkaufen. In der Lukase_SDHpstraße und am Grünen Weg stehe er nicht allein mit seinen Problemen. So habe eine Firma ein großes Nachbargrundstück gekauft, noch näher ran an Caratgas als seins, dürfe dort allerdings nur selbst einziehen und nicht, wie geplant, an andere vermieten.

Noch etwas beschäftigt das Ehe-paar Zimmermann: Wie bei solcher Sachlage überhaupt der Bau des Jobcenters oder des ADAC oder anderer Unternehmen an der Krefelder Straße habe genehmigt werden können, wo doch ihnen gegenüber eine wenn auch nicht so große, so doch ähnliche Firma wie Caratgas arbeite?

Sehr wahrscheinlich, dass sich demnächst die Politik mit dem „Störfallbetrieb“ am Grünen Weg beschäftigen wird. Fritz Zimmer-mann hat beim Aachener Bundes-tagsabgeordneten Andrej Hunko von der Linken Rat gesucht. Der hat zunächst die Linke-Stadtratsfraktion eingeschaltet.

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