Geheimes Aachen: Schutz im Bahndamm

Geheimes Aachen: Unterm Bahndamm suchten die Menschen Schutz

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges boten zwei Kammern unter einem alten Bahndamm in Laurensberg Schutz, deren Zugänge heute noch zu erkennen sind.

Wie viele Leben im Schutz des alten Laurensberger Bahndamms gegen Ende des Zweiten Weltkriegs gerettet wurden, wird wohl eine für immer ungelöste Frage bleiben. Bis heute zeugen aber zwei noch gut erkennbare zugemauerte Zugänge von den großen Kammern, die in den Damm eingeschlagen worden sind und zahlreichen Laurensbergern in den letzten Kriegstagen im Oktober 1944 Unterschlupf geboten haben.

Bei der schnellen Durchfahrt durch die dunkle Röhre zwischen Roermonder Straße und Schloss Rahe bleiben die ehemaligen Zugänge den meisten Menschen heute verborgen. Doch Heimatkenner Dietmar Kottmann gehört zu jenen, die die Erinnerung an die einstigen durch Holztüren gesicherten Schutzkammern  wach halten und in seinen Unterlagen auch einen eindrucksvollen Zeitzeugenbericht bereithält. Verfasst hat ihn Anna Turiaux, die das Kriegsende als Neunjährige miterlebte und mit ihrer Familie Schutz in dem sogenannten Wildbach-Tunnel fand.

Heute sind die Zugänge zugemauert. Foto: ZVA/Harald Krömer

Ihr Vater gehörte damals zu jenen Aachenern, die sich dem Evakuierungsbefehl  von Hitler für das Aachener Grenzgebiet widersetzt hatten und das Heranrücken der Alliierten abwarten wollten. Sie gingen ein großes Risiko ein, denn von den Nazis wurden sie damals als „Verräter“ angesehen. Auf die kleine Anna und ihre Familie, die als Ausgebombte von Aachen zunächst auf Gut Schurzelt eine Bleibe fanden, sollten rund sechs gefahrvolle Wochen inmitten der Kampfzone zukommen.

Ein Bombenangriff auf das alte Gehöft zwang deren Bewohner Mitte September 1944, sich erneut eine Unterkunft suchen zu müssen. So lernte Anna Turiaux die beiden Schutzkammern im Bahndamm kennen, von denen eine mit deutschen Soldaten und die andere mit Zivilisten belegt war. „Die hatten sich mit Etagenbetten, Sofas, Stühlen und anderem versorgt und warteten auf das Ende der Kampfzeit. Sie übernachteten im Tunnel. Unser Ankommen und unsere Bitte auf Unterkommen stieß nicht auf Begeisterung. Es war überfüllt und stank. Mein Vater versprach, dass wir nur im Notfall, also bei Angriffen oder Beschuss in den Bunker kommen und auch nur ganz vorne an der Tür bleiben würden“, heißt es in Turiaux‘ Erinnerungen.

Geprägt war ihr Leben in jener Zeit von einem Aufenthalt in einer benachbarten Wohnung und der schnellen Flucht in den Tunnel. Turiaux: „Eines Abends war das Granatfeuer aus der Soers, durch das die Amis auf Aachen vorziehen wollten, so stark, dass wir die Wohnung nicht mehr erreichen konnten. Wir mussten über Nacht im Tunnel bleiben. Von der Roermonder Straße schossen die Deutschen, aus der Soers die Amerikaner. Jede Bewegung außerhalb unserer Tunnelkammern war tödlich. Morgens mussten aber die Türen geöffnet werden, um die Exkremente zu entsorgen und Luft hereinzulassen. Beim leisesten Öffnen der Tür wurde sofort geschossen.“

Erst am 18. Oktober 1944 rückten die Amerikaner in Laurensberg ein. „Jetzt lebten wir im besetzten Gebiet“, erinnert sich Turiaux, was für sie aber bereits gleichbedeutend mit einem Leben in Frieden und Sicherheit war. Den Tunnel konnte ihre Familie endgültig verlassen. Wirkliche Sicherheit hat er aber nach heutiger Kenntnis auch nicht geboten. Bei einem gezielten militärischen Angriff wären die Schutzsuchenden wohl rettungslos verschüttet worden.

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