Aachen: Geheimes Aachen: Karolingischer Rahmen im Granusturm

Aachen : Geheimes Aachen: Karolingischer Rahmen im Granusturm

Er steckt noch fest in karolingischem Mörtel, hoch oben im Granusturm. Und Frank Pohle, Leiter der Route Charlemagne, sagt über ihn: „Er fällt in die Kategorie unspektakulär.“ Aber auch nur, weil er nicht besonders prächtig ist, nicht besonders auffällig und auch nicht besonders farbenfroh.

Nein, er ist aus einfachem Schmiedeeisen und wurde in schlichtem Grau gestrichen, wahrlich kein Prachtexemplar: Der einzig erhaltene Fensterrahmen aus dem karolingischen Zeitalter, der laut Pohle um 805 bis 815 n. Chr. im Granusturm angebracht worden sein muss.

In der Mitte links ist das kleine Fenster im Granusturm zu sehen, an dessen Innenseite der karolingische Rahmen befestigt ist. Foto: Andreas Herrmann

Von Außen ist er schnell zu finden. Steht man neben dem Eingang des Standesamtes an der Krämerstraße und blickt auf das alte Gemäuer, das zusammen mit der Königshalle Karls des Großen an der Wende vom 8. zum 9. Jahrhundert errichtet wurde, sieht man mehrere schmale Fenster. Das kleinste, ganz links, ist der historische Star unter ihnen. Dennoch: „Das Schönste ist es nicht“, sagt Pohle.

In der Mitte links ist das kleine Fenster im Granusturm zu sehen, an dessen Innenseite der karolingische Rahmen befestigt ist. Foto: Andreas Herrmann

Von Innen erreicht man den Rahmen nur über eine äußerst unbequeme Treppe. Der Weg dorthin ist dunkel und das Klima im Turm etwas feucht. Ein allzu behagliches Umfeld hat der etwa 65x50 große Rahmen nicht. Aber er hält sich wacker. „Da steckt noch der Rost der vergangenen Jahrhunderte drin“, sagt Pohle. Daher wurde er vermutlich auch einmal in Grau gestrichen. Viel mehr ist über das Stück allerdings nicht bekannt. Ebenso wenig über den Granusturm als solchen.

„Das ist alles Spekulation“

Seine bis zu einer Höhe von ungefähr 20 Metern reichenden unteren vier Geschosse stammen noch aus der karolingischen Zeit, das fünfte und sechste Geschoss aus dem 14. Jahrhundert. Sein Turmhelm wurde immer wieder durch Brände oder Kriege zerstört. Der heutige wurde erst im Jahr 1979 errichtet. Pohle vermutet, dass der Turm, der nur selten in Führungen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, schlichtweg als Treppenhaus genutzt wurde. Viel mehr vermag man auch heute nicht über ihn zu sagen. „Das ist alles Spekulation“, so Pohle weiter.

Türen, die ins Nichts führen

Um größtenteils überwölbte quadratische Innenräume windet sich das Treppenhaus, das den Haupteingang in den Turm im untersten Geschoss mit zwei weiteren Türen in seinem zweiten und vierten Geschoss verband. Diese Türen führten in das Obergeschoss beziehungsweise auf das Dach eines heute nicht mehr erhaltenen Vorbaus, der sich entlang der gesamten Südseite erstreckte. Eventuell führte die hohe Komplexität des aufwendigen Baus dazu, dass der Treppenturm fast keine Nachahmung in der mittelalterlichen Architektur fand. Da der Turm zudem in den erhaltenen karolingischen Schriftquellen nicht erwähnt wird, ist viel über seine ursprüngliche Funktion spekuliert worden.

Es gibt darin Überbleibsel von Säulen, Türen, die ins Nichts führen, und Räume, die kaum so groß sind, dass man Möbel hätte hineinstellen können. Der Granusturm könnte daher ein Wehrturm gewesen sein. Doch es gebe kaum Spuren auf Abwehrmechanismen. Er könnte vielleicht auch als Aussichtsturm gedient haben. Durch die schmalen Fenster sieht man allerdings kaum etwas. „Eine Zeit lang vermutete man, dass dies der Schatzturm Karls des Großen gewesen sein könnte“, sagt Pohle. Aber auch das sei höchst unwahrscheinlich, da es keine Räume gebe, in denen man etwas hätte abschließen können.

Zudem hätte keine der inneren Türen ausreichend gesichert werden können. Die Innenräume könnten daher als Warteräume oder Schleusen gedient haben, um Personengruppen zu lenken, die aus unterschiedlichen Richtungen kamen. Hinzu kommt: Denkt man sich in die Zeit ohne Elektrizität zurück, dann „wäre es schön schummrig ohne Licht“, sagt Pohle. Die schmalen Fenster sorgten für eine Minimalbeleuchtung. Die Nutzung ist und bleibt daher bis heute ein Geheimnis. „Da wäre man schon gerne dabei gewesen“, so Pohle.

In den späteren mittelalterlichen Quellen wird der Turm übrigens als „turris regia“ beziehungsweise „saltorn“ bezeichnet, was seine enge Anbindung an die Königshalle belegt. Die Bezeichnung „Granusturm“ trägt er erst seit der Renaissance, da damals angenommen wurde, dass der Turm ein Relikt aus römischer Zeit und der Wohnort des legendären Stadtgründers Granus Serenus gewesen sei, einem legendären Bruder des römischen Kaisers Nero. Im Lauf seiner Geschichte wurde der Turm mehrmals umgenutzt: Er beherbergte die Wohnung des Turmwächters, das Urkundenarchiv der Stadt und ein Gefängnis. Heute steht der Granusturm leer.

Wer den karolingischen Rahmen und das Gebäude einmal genauer unter die Lupe nehmen möchte, muss sich für eine der seltenen öffentlichen Führungen anmelden. Aus konservatorischen Gründen ist es nicht möglich, ihn frei zugänglich zu machen.

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