Aachen: Geheimes Aachen: Im Wald erinnern Gedenksteine an alte Mordfälle

Aachen : Geheimes Aachen: Im Wald erinnern Gedenksteine an alte Mordfälle

Gelegenheiten, im Aachener Wald auf alte Kreuze und Gedenksteine für die Opfer von Gewalttaten zu stoßen, gibt es reichlich. So reichlich, dass sogar Bücher damit gefüllt werden konnten: „Morde im Wald“ etwa von Gisbert Kranz oder „Spuren der Vergangenheit“ von Albert Creutz. Und doch gibt es bis heute keine „auch nur annähernd vollständige Dokumentation“ über derartige Erinnerungsstätten im Stadtgebiet, sagt der Aachener Heimatforscher Dietmar Kottmann.

Spaziergänger stoßen am Wegesrand meist zufällig auf solche Gedenksteine, unter denen der von Laura Klinkenberg noch zu den Auffälligsten zählen dürfte. Zu finden ist er nur wenige Meter weit entfernt von dem Wanderparkplatz Brückchenweg an der Monschauer Straße. „Betet für die Seele der hier am 14. 5. 08 ermordet aufgefunden Laura Klinkenberg“ steht auf dem Stein, der an eine Bluttat aus dem vorigen Jahrhundert erinnert.

Die damals 16-Jährige aus Walhorn ist offenbar am 30. April 1908 auf dem Weg zu einem Zahnarzttermin in Aachen von einem Aachener Dachdeckergesellen namens August Charié überfallen und ermordet worden, wie sich später herausstellen sollte. Erst zwei Wochen nach der Tat ist die Leiche des Mädchens zufällig von einem Waldarbeiter unweit der Stelle, wo heute der Gedenkstein steht, entdeckt worden.

Zu diesem Zeitpunkt hatten ihre beiden Brüder und auch die Aachener Polizei bereits intensive Nachforschungen nach der Vermissten, deren Eltern bereits vier Jahre zuvor gestorben sind, angestellt und auch die Umgebung von Walhorn, Eynatten und Kettenis durchkämmt. Auch Suchhunde wurden eingesetzt und mögliche Zeugen verhört, wie Gisbert Kranz in seinem Buch berichtet.

Erst der Zufallsfund des Waldarbeiters brachte Gewissheit, dass Laura Klinkenberg ermordet wurde. Mit einem Stein hatte der Mörder ihr den Schädel eingeschlagen. Nur aufgrund einer Warze am Finger und anhand ihres Schmucks und ihrer Kleider konnte die bereits stark verstümmelte Leiche identifiziert werden.

Trotz intensiver Ermittlungen und einer hohen Belohnung kam die Polizei dem Mörder zunächst nicht auf die Spur. Gut ein halbes Jahr später legte dann jedoch August Charié in einem niederländischen Gefängnis das Geständnis ab, das Mädchen ermordet und ihr ein Portemonnaie mit 50 Goldmark abgenommen zu haben. In den Niederlanden saß er zu diesem Zeitpunkt eine Strafe wegen Bandendiebstahls ab. Auf Ersuchen der Aachener Staatsanwaltschaft sollte er im Juli 1910 nach Deutschland ausgeliefert werden, doch er starb bereits vier Monate vorher im Gefängnis von Haarlem.

„Jammerlich umgebracht“

Auch in einem Hohlweg unterhalb des Dreiländerecks und im Wald bei Moresnet kennt Heimatforscher Kottmann Gedenksteine, die an Raubmorde im Öcher Bösch erinnern. Am Revierweg werden Spaziergänger aufgefordert, „für die Seelenruhe“ des dort ermordeten Johann Greber zu beten. Und in der Nähe der Zyklopensteine am Grenzübergang Köpfchen ist noch ein Kreuz zu sehen, das an den „ehrsamen Bürger“ Edmund Kevel aus Raeren erinnert, der dort im Mai 1802 „jammerlich umgebracht“ und ausgeraubt wurde (4).

An all diesen Steinen nagt der Zahn der Zeit. Manche wurden mutwillig beschädigt — wie etwa der von Laura Klinkenberg — andere werden zunehmend von Moos überdeckt oder überwuchert. Und damit geraten auch die Geschichten und oftmals grausamen Details in Vergessenheit, die sie zu erzählen haben.

Eher die Ausnahme ist es, dass sie erneuert werden — so wie es die Eilendorfer Heimatfreunde mit einem Holzkreuz an der Trockenbuschschneise im Würselener Stadtwald getan haben. Gut sichtbar steht es an einem stark genutzten Spazierweg und hält das Andenken an Anna Gertrud Mommerz wach, die dort am 30. April 1909 einem Sexualverbrechen zum Opfer gefallen ist. Die 54-jährige Witwe hatte sich ihr Geld damit verdient, Arbeiter aus Verlautenheide und Eilendorf in Stolberger Betrieben mit Proviant und Mahlzeiten zu versorgen. Sie wurde mit durchgeschnittener Kehle unter Reisig gefunden. Der Mordfall konnte nie aufgeklärt werden.