Aachen: Geheimes Aachen: Gerichtet wurde einst auch am Münsterplatz

Aachen : Geheimes Aachen: Gerichtet wurde einst auch am Münsterplatz

Am Münsterplatz richtet sie noch immer hoch über den Köpfen der Aachener Bürger: Die Justitia, die im Torbogen zwischen der Stadtpfarrkirche St. Foillan und einer Bäckerei in Stein verewigt ist. Wie lange sie dort schon Waage und Richtschwert in den Händen hält, das kann Stadtführerin Sabine Mathieu nicht genau sagen. Erkenntnisse darüber gibt es so gut wie keine mehr.

Was sie aber weiß ist, dass die Figur auf das Sendgericht — auch Synodalgericht genannt — hindeutet. Dort wurden im Mittelalter Absprachen über das Kirchenrecht getroffen sowie Schandtaten, Laster und Sünden der Gemeindemitglieder behandelt und gerügt.

Am Münsterplatz findet man die Justitia, die zwischen St. Foillan und einer Bäckerei im Torbogen noch auf das frühere Sendgericht hindeutet. Stadtführerin Sabine Mathieu weiß, dass dort Schandtaten, Laster und Sünden der Gemeindemitglieder gerügt wurden. Foto: Heike Lachmann

„Damals bestimmte die Kirche das tägliche Leben der Menschen“, sagt Mathieu. Der tägliche Kirchenbesuch gehörte beispielsweise dazu. Und wer sich dort nicht blicken ließ und zudem von einem neugierigen Nachbarn verpetzt wurde, der konnte durchaus dafür vor dem Sendgericht landen — und verurteilt werden. Nicht umsonst nannte man es auch das „Schnüffelgericht“, weil man sich eben gerne gegenseitig beobachtete und die Laster und Sünden anderer weitertratschte.

Verurteilt wurden die Bürger allerdings nicht nur dafür, sondern generell für Vergehen wie beispielsweise Ehebruch oder Kriminaldelikte auf Kirchengrund. Aber es gab auch andere kuriose Anklagen: So hatte im Jahr 1690 eine Frau offenbar ihren Ehemann satt. Sie wurde der Hexerei bezichtigt, weil sie ein Jahr lang versucht hatte, den missliebigen Gatten in den Tod zu beten. Natürlich war ihr Vorhaben nicht von Erfolg gekrönt, verurteilt wurde sie dennoch — zu 20 Rutenstrichen.

Geschäfte im Gottesdienst

Den Kirchenbesuch nutzten die Bürger allerdings nicht nur, um zu beten. „Die Menschen gingen im Mittelalter nicht nur zum Ausleben ihres Glaubens in die Kirche, sondern auch, um dort Geschäfte zu machen. Nicht jeder, der dort war, war wirklich fromm“, so Mathieu. Die großen Räumlichkeiten waren meist die einzigen Versammlungsorte in der damaligen Zeit. Arenen, Hallen und andere Veranstaltungsstätten gab es nicht.

Dafür stand in nahezu jedem Dorf eine Kirche — und meist waren diese recht groß. Sie waren allerdings nicht so komfortabel ausgestattet wie heute. Es gab weder Kirchenbänke noch eine Heizung. „Die Kirche machte es den Menschen sehr unbequem“, sagt Mathieu.

Während also einige im Stehen dem Gottesdienst folgten, verhandelten andere möglicherweise den nächsten Vertrag.

Ab Ende des 18. Jahrhunderts beziehungsweise Beginn des 19. Jahrhunderts änderte sich all dies allerdings. Die Franzosen und der Geist der Aufklärung machten dem Sendgericht ein Ende. Die Säkularisation, also die staatliche Einziehung oder Nutzung kirchlicher Besitztümer während des napoleonischen Zeitalters spielte dabei eine große Rolle.

Vereinzelte Versuche, das Sendgericht wieder ins Leben zu rufen, scheiterten. Und so erinnert heute lediglich die Justitia im Torbogen an das Sendgericht und an die vielen Urteile, die einst dort gefällt wurden.