Aachen: Geheimes Aachen: Für Seidenschuhe muss der Bogen weichen

Aachen : Geheimes Aachen: Für Seidenschuhe muss der Bogen weichen

Man versetze sich zurück an den Anfang des 19. Jahrhunderts in Aachen: Die Straßen sind voller Abfälle, Fäkalien und Dreck. Wer einen Fuß auf den Boden setzt, muss damit rechnen, dass der Schmutz übel riecht, unter den Schuhen und daran haften bleibt und zudem die Kleidung verunreinigt.

Das ist jedoch ganz und gar nicht im Sinne des französischen Präfekten mit dem wohlklingenden Namen Jean Charles François Baron de Ladoucette. Ihm sind seine schicken Seidenschuhe dafür schlichtweg zu schade. Und so bewegt er sich lieber per Kutsche durch die Kaiserstadt. Auch dort, wo eigentlich gar kein Platz für eine Kutsche ist. Mit schwerwiegenden Folgen.

In den Mauerresten des Pavischbogens sind Kerben zu entdecken. Sie entstanden, als Fischhändler dort ihre Messer schärften. Foto: Andreas Herrmann

Anlässlich der Tauffeiern für Napoleon II. im gesamten französischen Kaiserreich soll im Jahr 1811 im Aachener Dom eine Messfeier abgehalten werden. Der Präfekt will sich zu dieser Feier mit seiner Kutsche bis vor den Dom, genauer gesagt direkt vor die Wolfstüre, fahren lassen, damit seine schicken seidenen Schuhe nicht mit all dem Dreck auf dem Boden in Berührung kommen. Das Problem ist nur, dass der gotische Bogen vor dem Domhof, der sogenannte Pavischbogen oder auch Eingangsbogen zum Paradies, zu schmal für seine Kutsche ist. Sie kommt schlichtweg nicht durch.

Einfach aussteigen und zu Fuß gehen, das kommt für den französischen Präfekt nicht infrage. Für Jean Charles François Baron de Ladoucette gab es daher nur eine Lösung: Der Bogen musste weg.

Und so wurde das prächtige Gemäuer, das 1429 errichtet wurde, einfach angebrochen, wie Dombaumeister Helmut Maintz zu berichten weiß. Wer heute vom Fischmarkt aus einen Blick darauf wirft, wird vielleicht noch ein paar Überreste des aus Sandstein bestehenden Bogens erkennen können. Rechts und links vom Gittertor ist der ehemalige Pavischbogen noch in Teilen zu sehen. Der Domhof wird im Übrigen auch Pavisch — Paradies — genannt, daher hatte der ursprüngliche Bogen auch seinen Namen.

Wer noch etwas genauer hinsieht, wird noch weitere Spuren in dem Gestein erkennen können. Darauf wird auch immer wieder gerne bei Stadtführungen durch das historische Aachen hingewiesne. An der Ecke der Taufkapelle sind nämlich noch tiefe Kerben in dem Sandstein. Dort schliffen einst die Fischhändler an der Wand ihre Messer. Aber auch Pilger machten sich über das Gemäuer her. Sie haben dort als sogenannte Mauerspechte die Mauer abgekratzt, um ein Souvenir aus Aachen mit nach Hause zu nehmen.

Auf der anderen Seite, am Dom Shop, sieht man zudem eine zugemauerte Tür. Das war die sogenannte Sechs-Uhr-Pforte. Um 18 Uhr wurde die Tür zum Domhof für die Nacht geschlossen und erst um sechs Uhr morgens wieder geöffnet. Wer damals einen Schlüssel besaß, konnte durch die kleine Tür schlüpfen. Ansonsten ging es an dieser Stelle erst einmal nicht weiter.