Aachen: Geheimes Aachen: Ein Fenster als Anlaufstelle für hungrige Pilger

Aachen : Geheimes Aachen: Ein Fenster als Anlaufstelle für hungrige Pilger

Wer heute die Annastraße entlang Richtung Innenstadt geht und die Annakirche zur Rechten sieht, wird sich dem evangelischen Gotteshaus in den meisten Fällen nur dann zuwenden, wenn er hineingehen will. Dass das einmal anders war, darauf deutet das tiefliegende Fenster links vom Portal hin.

Das vergitterte Fenster, das heute vor allem als Lichtquelle für den Bereich unterhalb der Empore dient — und vielleicht als Frischluftzufuhr bei vollem Gotteshaus — war einst ein Fenster, durch das Benediktinerinnen hungrige Pilger mit Lebensmitteln versorgt haben.

„Die Annakirche liegt an einem der alten Pilgerwege“, sagt Pfarrer Armin Drack. Seinerzeit seien vor allem ärmere Pilger zu Fuß durch das Scherptor und über die Scherpgasse in die Stadt gelangt. Das Scherptor befand sich ungefähr dort, wo Löhergraben, Alexianergraben, Mörgensstraße und Annastraße zusammenlaufen. „Die Pilger waren tagelang unterwegs und waren, weil sie wenig Geld hatten, auf ihrem Weg zur Pilgerstätte auf Almosen angewiesen“, sagt Drack. Da kamen ihnen die Benediktinerinnen gerade recht.

Das Benediktinerinnen-Kloster, aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts die evangelische Annakirche wurde, geht auf Sibylla von Brandenburg zurück, Witwe des Herzogs Wilhelm IV. von Jülich-Berg. Wenige Tage nach dem Tod ihres Gatten holte sie bei Bischof Eberhard von Lüttich die Genehmigung ein, das Kloster gründen zu dürfen. „Das war ein Kloster für Töchter aus gutem Hause. An Geld mangelte es nicht“, sagt Armin Drack. Dass man die Armen mit Brot versorgte, war für die Schwestern ein „gutes Werk der Barmherzigkeit“. Es habe sich um einen kleinen Konvent gehandelt. „Mehr als 20 Frauen waren das wohl nicht“, schätzt Drack.

Pilgerfahrt zur Sündenvergebung

Deutlich größer dürfte die Zahl der Pilger gewesen sein, vermutet der Geistliche. Bis zu eine Million Pilger habe man beispielsweise im Mittelalter an den Stadttoren gezählt. „Wer eine Pilgerfahrt unternahm, dem wurden Sünden vergeben“, erläutert Drack, außerdem sei eine Pilgerreise für viele Menschen die einzige Möglichkeit gewesen, andere Orte kennenzulernen.

War das Kirchenfenster also so etwas wie ein Kiosk? Drack lacht und schüttelt den Kopf. „Feste Öffnungszeiten hatten die Schwestern mit Sicherheit nicht“, erklärt er. Das sei eher so gelaufen, dass die Pilger ans Fenster geklopft hätten, wenn sie etwas benötigten. „Man sah ja, beispielsweise abends im Kerzenschein, ob jemand in der Nähe war.“ Und da der Schlafsaal der Schwestern gleich hinter dem heutigen Kirchenraum gelegen habe, sei es auch sehr wahrscheinlich, dass man die Bedürftigen von dort aus gehört habe.

Dass Almosen herausgegeben wurden, war in Aachen keine Seltenheit: Auch in anderen Abteien konnten Pilger und Bedürftige Brot bekommen. „Meist geschah das durch eine Klappe an der Klosterpforte“, erklärt Drack. Eine solche Klappe wurde beispielsweise auch an der Abtei in Burtscheid genutzt.

Mit dem Einzug der Franzosen in Aachen war erst einmal Schluss mit Almosen durch das Kirchenfenster: Das Kloster wurde aufgelöst. Schließlich ging das Kloster 1802 an die lutherischen und reformierten Gemeinden in Aachen und Burtscheid über, 1803 wurde die Indienstnahme gefeiert. „Für das Wohl bedürftiger Menschen setzt sich selbstverständlich auch die Diakonie ein“, betont Armin Drack. Allerdings sei das Ganze heutzutage durch die Diakonie organisiert, und ans Kirchenfenster der Annakirche muss niemand mehr klopfen.

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