Aachen: „Geheimes Aachen“: Die Liebeskraft der Aachener Doppelspirale

Aachen : „Geheimes Aachen“: Die Liebeskraft der Aachener Doppelspirale

Ohne Frage, in dieser Kombination klingen die Worte seltsam: „Genießen Sie die Liebeskraft der Aachener Doppelspirale!“ Na? Erster Gedanke? Ganz richtig: die Aachener Doppelspirale klingt nach etwas, das selbst in schmuddeligen Hauptbahnhof-Sex-Shops noch unter der Ladentheke gehandelt wird. Dieser erste Gedanke ist aber ganz falsch.

Denn der Aachener Doppelspirale sind die meisten „Nachrichten“-Leser wahrscheinlich selbst schon ganz nah gewesen. Die Rede ist von einem Kunstwerk — allerdings keinem „handelsüblichen“. Ein Ort spielt eine Rolle. Genauer: mehrere Orte, deren Besuch, folgt man der Anleitung des Künstlers, „Gefühle, Farben, Empfindungen oder Bilder in Ihrem Innern aufsteigen“ lassen können. Farben!

Sicher wird nicht jeder einen Zugang zu dieser Form der Kunst finden. Nicht jeder wird die Aachener Doppelspirale besteigen und Bekannten und Kollegen danach begeistert beichten: „Ich fühlte mich ganz Ocker in mir drin ...“. Das muss vielleicht auch nicht sein. Immerhin wissen die Leser nach Lektüre des vorliegenden Teils unserer „Nachrichten“-Serie „Geheimes Aachen“, was es mit den Bronze­elementen am Fischpüddelchen auf sich hat.

Es handelt sich um Kosmogramme

Sie sehen sehr nach Route-Charlemagne aus, weil die Wegweiser für die Route aus ganz ähnlichen in den Boden eingelassenen Bronzeelementen bestehen, auf denen jedoch das Signet Karls des Großen prangt. Die Zeichen auf den Elementen am Fischmarkt sind sonderbar und nicht auf den ersten Blick zu dechiffrieren. Sie erinnern an Runen.

Ein Leser schrieb jüngst an die Redaktion: „Welche Absicht (Funktion, Zweck) ist mit diesen Elementen verbunden? Wer hat sie gestaltet, hergestellt und eingesetzt? Ich habe Fotografien dieser Elemente bereits im Touristikbüro, in der Information im Rathaus, in der Dominformation, im Büro der Stadtinformation und im Stadtarchiv gezeigt und die vorgenannten Fragen gestellt. Leider konnte man mir die Fragen nicht beantworten. Man hatte jedoch auch Interesse an Antworten auf die Fragen.“

Des Rätsels Lösung: Der Künstler Marko Pogacnik aus Slowenien spricht von Kosmogrammen, die auf den Bronzeelementen eingemeißelt sind. Wie sie heißen, was sie darstellen — die Beschreibungen des Künstlers sind unseren Fotos der Bronzeelemente an die Seite gestellt. Ihren Zweck erfüllen die Nägel als Teil des Gesamtkunstwerks von Pogacnik: der Lithopunktur Aachen.

Hinter dem Begriff verbirgt sich „eine Methode der ökologischen Heilung und Ausbalancierung von Landschaftsraum“ und er selbst hat sie entwickelt. „Der Akupunktur am menschlichen Körper analog, wird die Erde punktiert mit Steinstelen oder Bronzeplatten, die mit Kosmogrammen versehen sind. Ziel ist es, die vitalenergetischen und geistigen Kräfte des Ortes zu erkennen, zu stärken und ins Bewußtsein unserer Zeit zu heben.“ Die Steinstele, 1,5 Tonnen schwer, steht als Yang-Pol der Aachener Doppelspirale auf dem Lousberg. Den Yin-Pol bilden die Bronzeplättchen am Fischmarkt.

Karl der Große als Inspirationsquelle

Aachens berühmtester VIP hat übrigens auch eine Rolle in der Geschichte des Kunstwerks. Pogacnik spricht von einer Legende, die ihm unter anderem offenbar Inspirationsquelle für sein Werk war: wie Karl der Große Aachen als seinen Wohnsitz nahm. Alles begann mit einem Streit zwischen einer Kröte und einer Schlange. Die Schlange schimpfte über die Kröte, die angeblich auf deren Eiern saß. Karl der Große selbst sollte das Urteil in der Auseinandersetzung sprechen und gab der Schlange Recht. Zum Dank schenkte ihm das Tier einen Zauberring. Wer ihn trug, den liebte König Karl. Der Ring fiel in die Hände eines Ritters, dem es schon bald zu peinlich wurde, dass Karl ihm ständig nachstellte. Also warf er den Ring in einen Sumpf an der Stelle, an der sich heute Aachen befindet. Seither liebte Karl der Große diesen Ort und ließ dort seine Pfalz errichten.

Diese Geschichte führt Pogacnik als Indiz dafür an, dass Aachen ein „ganz besonderer Platz der Erde und der Natur ist“. Um das darzustellen, hatte er das seiner Meinung nach geeignete Motiv gefunden: die Doppelspirale. Es hört sich ein wenig an wie nicht von dieser Welt: „Die Doppelspirale zieht durch ihre polarisierte Dynamik irdische und kosmische Kräfte in enormen Mengen an, balanciert sie aus und fördert deren Austausch.“

Einen solchen Ort des Austauschs sah Pogacnik in Aachen. Deshalb schrieb er 1999 diese Worte und deshalb wählte er die erwähnte Doppelspirale als Motiv für sein Kunstwerk, über das bis heute viele Aachener laufen, ohne eigentlich zu wissen, was es ist. Das Werk entstand im Rahmen einer Ausstellung des Ludwig Forums, die im Jahr 1999 unter dem Titel „Natural Reality“ stattfand. Mehr als 30 Künstler aller Kontinente beteiligten sich daran.

Der Künstler hat sogar eine Anleitung bereitgestellt, wie man „die Kraft der punktierten Plätze erleben“ kann. Das soll wie folgt funktionieren: „Gehen Sie in die Nähe der Steinstele auf dem Lousberg. Oder nähern Sie sich den Bronzeplatten am Fischmarkt. Schließen Sie die Augen und vertiefen Sie sich in die innere Atmosphäre des Raumes. Beobachten Sie, welche Gefühle, Farben, Empfindungen oder Bilder in Ihrem Innern aufsteigen. Genießen Sie die Liebeskraft der Aachener Doppelspirale!“

Sollten Sie trotz dieser Anleitung nichts von der Liebeskraft der Aachener Doppelspirale spüren — grämen Sie sich nicht. Immerhin wissen Sie jetzt, was es mit den Bronzeplättchen am Fischpüddelchen auf sich hat.