Geheimes Aachen: Der unterirdische Friedhof

Geheimes Aachen : Der unterirdische Friedhof von St. Foillan

Mitten in der Aachener Innenstadt, wirklich nur ein paar Meter vom Dom entfernt, gibt es einen alten Friedhof. Nicht viele wissen davon, denn er liegt im Untergrund und ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Der Totenkeller unter der Kirche St. Foillan ist ein geheimnisumwobener Ort.

Und er wirft auch für Wissenschaftler noch manche Frage auf, wie Thomas Richter bestätigt: „Das ist ein Raum, über den noch nicht geforscht wurde.“ Richter ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Katholische Theologie der RWTH Aachen. Sein Arbeitsgebiet ist die Historische Theologie. Richter ist im Sommer zum ersten Mal in den Untergrund von St. Foillan gestiegen. Der Friedhof hat ihn gleich fasziniert.

Will man in den Totenkeller gelangen, muss zuerst die Rampe weggeräumt werden, die für einen behindertengerechten Zugang in die Kirche sorgt. 13 Steinstufen geht es dann hinunter, in einen geräumigen Gewölbekeller. Gut warm ist es hier unten – kein Wunder, die Thermalquellvorbrüche unter dem Aachener Dom mit ihrem heißen Wasser sind nur ein paar Schritte entfernt.

„Wir haben es hier nicht mit einer Krypta zu tun, die ja ein unterirdischer, fensterloser Gottesdienstraum wäre, sondern mit einem Bestattungsraum“, erklärt Richter. Rund 400 verschlossene Grabkammern gibt es in den katakombenartigen Gängen, in Dreierreihen übereinander angeordnet. Wie viele Menschen hier beigesetzt wurden, ist unklar. Und auch wer hier seine letzte Ruhestätte gefunden hat, ist nicht überliefert. Die Nischen sind zwar nummeriert, Namensplaketten gibt es aber nicht, nur an wenigen Stellen findet man Reste von Namen, die auf den groben Putz gemalt sind.

Eingerichtet wurde der Totenkeller derzeitigen Erkenntnissen zufolge um 1780. „Es gab zwar Friedhöfe außerhalb der Stadt“, sagt Richter. „Aber in den Innenstädten stellte sich dennoch die Frage: Wohin mit den Toten?“ Aachen war im 18. Jahrhundert schließlich nicht irgendein kleines Kaff. Die Volkszählung von 1812 ergab zum Beispiel eine Einwohnerzahl von mehr als 12.000 Menschen.

Unterirdische Grabstätten

Der Wissenschaftler Thomas Richter beschäftigt sich am Institut für Katholische Theologie vor allem mit historischen Themen. Den Totenkeller von St. Foillan findet er bemerkenswert. Foto: Andreas Herrmann

Der Totenkeller von St. Foillan ist nicht der einzige in Aachen. Die heute evangelische Annakirche hat ebenfalls einen Totenkeller, er war Begräbnisort für das ehemalige Benediktinerinnenkloster. Und auch in St. Johann-Baptist in Burtscheid, der früheren Abteikirche, gibt es solch einen unterirdischen Friedhof. Vorbehalten war auch er vor allem den Ordensschwestern. „Das Besondere am Totenkeller in St. Foillan ist aber gerade, dass er ein Begräbnisort fürs Volk war“, sagt Richter. „Das erkennt man schon an der großen Zahl der Grabnischen.“ Die Kirche St. Foillan, erstmals belegt um 1180, war im Mittelalter die Pfarrkirche fürs Volk. Der Dom, als Pfalzkirche Karls des Großen um 800 errichtet, diente dagegen vornehmlich dem Hofgottesdienst der adeligen Stiftsherren.

Die weitere Geschichte des Totenkellers von St. Foillan ist nur bruchstückhaft bekannt. Irgendwann wurde der Keller verschlossen – wahrscheinlich weil alle Grabstätten belegt waren. Wann das geschah, ist unklar. Erst 1930, zur Aachener Heiligtumsfahrt, wurde der Totenkeller wieder zugänglich gemacht. Darauf gebe es Hinweise in der Literatur, sagt Richter. Aus dieser Zeit stammen wahrscheinlich auch der Altar, der noch heute dort unten steht, und die Malereien, deren Reste noch erkennbar sind.

Am Ostermontag 1944 wurde die Kirche St. Foillan durch Bombentreffer schwer beschädigt. Auch der Totenkeller wurde in Mitleidenschaft gezogen. Zeugnis von dieser Zerstörung gibt noch heute eine Kiste mit Gebeinen. Diese Knochen wurden beim Wiederaufbau der Kirche in den Jahren 1956 bis 1958 im Schutt gefunden und geborgen.

„Der Totenkeller von St. Foillan ist auch heute noch ein weißer Fleck im Aachener Stadtzentrum“, resümiert Thomas Richter. Er sieht hier ein spannendes Betätigungsfeld für (angehende) Wissenschaftler. „Für eine Magisterarbeit wäre das ein spannendes Thema“, findet er. Irgendwo, in Kirchenbüchern oder in Bauakten von St. Foillan, müsste es eigentlich Hinweise auf die Geschichte des unterirdischen Friedhofs geben.

Die Pfarre Franziska von Aachen, wozu St. Foillan gehört, nutzt die unterirdischen Räume hin und wieder, zum Beispiel, um die großen Krippenfiguren das Jahr über sicher zu verwahren. Ansonsten herrscht zeitlose Stille in den nur von nackten Glühbirnen beleuchteten Gängen. Im Sommer hat Thomas Richter eine Gruppe von Studierenden durch den Untergrund geführt.

Auch für ihn war es der erste Besuch dort unten. Er überlegt nun, ob man den Totenkeller nicht an bestimmten Terminen im Jahr im Rahmen von Führungen der Öffentlichkeit ein wenig zugänglich machen könnte. „An dieser Idee arbeiten wir derzeit gemeinsam mit der Gemeinde“, sagt er. Vor etlichen Wochen haben sich auch etliche Dutzend Krimifreunde unterirdisch versammelt. Im Rahmen der Aachener Krimitage trug Buchhändler Walter Vennen von der Buchhandlung Schmetz am Dom unter dem Motto „Am Anfang war der Mord“ die spannendsten Kriminalgeschichten der Bibel vor. 100 Leute sicherten sich Karten für eine der beiden Veranstaltungen. Ganz so geheim dürfte der Totenkeller von St. Foillan seitdem nicht mehr sein.

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