Aachen: Geheimes Aachen: Der Mützenmacher aus der Senfstraße

Aachen : Geheimes Aachen: Der Mützenmacher aus der Senfstraße

Wo bitte geht's zur Senfstraße? Wer sich in Aachen nach solch einer Auskunft umtut, wird höchstens Schulterzucken ernten. Eine Senfstraße findet sich im kaiserstädtischen Straßenverzeichnis nicht. Nicht mehr jedenfalls. Die Antwort auf die Eingangsfrage ist tatsächlich abhängig von der Epoche, in der sie eingefordert würde.

Denn wäre sie an einen jener französischen Revolutionsarmisten gerichtet worden, die sich seit 1794 in der Stadt häuslich eingerichtet hatten — er hätte vermutlich in Richtung „Rue de Moutarde“ (Senfstraße) gewiesen.

Weg einer Häuserecke: Ein Bild aus der Mitte der 30er Jahre, als die Ecke noch Teil des alten Hauses am Apfelbaum am Hühnermarkt war (1). Bis kurz nach dem Krieg stand sie als einsame Säule noch am alten Platz, hatte als einziger Teil des alten Hauses am Apfelbaum den Bomben getrotzt. Bis zu diesem Zeitpunkt wachte in der Nische noch eine Madonnenfigur (2, Foto von 1944). Rechts: der historisierende Bau an der Ecke Mostardstraße/Neupforte im Barockstil heute. In der Nische steht jetzt die Mützenmacher-Figur. Fotos: Andreas Herrmann (2), Stadtarchiv/Repro: Krömer, Jaspers. Foto: Stadtarchiv/Repro: Krömer, Jaspers

Heute findet sich das gesuchte Gässchen wieder unter seinem alten Namen: Mostardstraße. Und die hält neben ihrem Namen eine weitere, wenig bekannte Geschichte parat, von der Stadtführerin Sabine Mathieu weiß: eine Häuserecke, die ursprünglich ganz woanders im Stadtbild auftauchte — mitsamt einer Heiligennische, in der mittlerweile ein anderer den Platz der Heiligen eingenommen hat.

Weg einer Häuserecke: Ein Bild aus der Mitte der 30er Jahre, als die Ecke noch Teil des alten Hauses am Apfelbaum am Hühnermarkt war (1). Bis kurz nach dem Krieg stand sie als einsame Säule noch am alten Platz, hatte als einziger Teil des alten Hauses am Apfelbaum den Bomben getrotzt. Bis zu diesem Zeitpunkt wachte in der Nische noch eine Madonnenfigur (2, Foto von 1944). Rechts: der historisierende Bau an der Ecke Mostardstraße/Neupforte im Barockstil heute. In der Nische steht jetzt die Mützenmacher-Figur. Fotos: Andreas Herrmann (2), Stadtarchiv/Repro: Krömer, Jaspers. Foto: Andreas Herrmann

Als die Franzosen vor mehr als 200 Jahren Aachen besetzten, kam ihnen der Name „Mostard“ gleich verdächtig vor. Er hörte sich an wie ihr französisches Wort für Senf — moutarde — und wurde von den Besatzern fortan als das benannt, wonach es in ihren Ohren klang.

Weg einer Häuserecke: Ein Bild aus der Mitte der 30er Jahre, als die Ecke noch Teil des alten Hauses am Apfelbaum am Hühnermarkt war (1). Bis kurz nach dem Krieg stand sie als einsame Säule noch am alten Platz, hatte als einziger Teil des alten Hauses am Apfelbaum den Bomben getrotzt. Bis zu diesem Zeitpunkt wachte in der Nische noch eine Madonnenfigur (2, Foto von 1944). Rechts: der historisierende Bau an der Ecke Mostardstraße/Neupforte im Barockstil heute. In der Nische steht jetzt die Mützenmacher-Figur. Fotos: Andreas Herrmann (2), Stadtarchiv/Repro: Krömer, Jaspers. Foto: Andreas Herrmann

Das war ein Missverständnis, denn für den Namen sind eigentlich fleißige Handwerker verantwortlich, die einst an der Straße sesshaft waren: die Mutzer oder Mützenmacher. Bei der ersten Erwähnung der Straße 1344, vor fast 700 Jahren, lautete der Name sehr pragmatisch einfach „Mutzergasse“. Mostard ersetzte über die Jahrhunderte als Verballhornung das Wort Mutzer.

Auf den Ursprung weist heute ein Kunstwerk hin, das in rund fünf Metern Höhe über der Straßenecke Mostardstraße/Neupforte thront. Der Aachener Künstler Peter Hodiamont schuf eine kleine Figur, die einen Mützenmacher zeigt, mit Mütze auf dem Kopf und Mütze in der Hand. In der anderen hält er eine Schere — das für seinen Beruf typische Werkzeug.

Den Platz in der Nische hat der kleine Mützenmacher erst nach dem Zweiten Weltkrieg bezogen. Vor ihm stand dort eine besonders standhafte Madonna. „Diese Häuserecke befand sich vorher am Hühnermarkt und war Teil des Hauses am Apfelbaum“, erklärt Sabine Mathieu. „Der Hühnermarkt wurde im Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche gelegt“, nur die Häuserecke habe den Bomben getrotzt und den Krieg somit spektakulär überstanden.

Weniger Glück hatte das Haus aus der Gründerzeit, das bis dahin an der Ecke Mostardstraße/Neupforte stand. Es wurde im Krieg so stark zerstört, dass es abgerissen werden musste. Beim Neubau eines Hauses im Barockstil konnte man die Häuserecke vom Hühnermarkt offenbar gut gebrauchen, und so wurde sie „transloziert“ — so lautet der Fachbegriff für Gebäude oder Teile davon, die versetzt werden. „Nach dem Zweiten Weltkrieg ist das in Aachen öfter gemacht worden“, erklärt Sabine Mathieu. So stehe etwa an der Jakobstraße noch heute eine ganze translozierte Hausfassade.

Eine alte Häuserecke am neuen Haus — wenn beides auch nicht füreinander gemacht wurde, sieht es doch aus wie gewollt. Deshalb fällt kaum auf, dass eine interessante Geschichte dahinter steckt, genau wie hinter dem Mützenmacher in der einstigen Senfstraße.