Aachen: Geheimes Aachen: Das Mammut vom Klosterplatz

Aachen : Geheimes Aachen: Das Mammut vom Klosterplatz

Einmal streifte ein Mammut durch Aachen, kam auf den Klosterplatz, aber nicht wieder weg. War es zu schwach, sehr krank oder zu schwer verletzt? Oder war es einfach nur alt, waren seine Jahre gezählt? Was genau zwischen 100.000 und 200.000 Jahren vor heute auf dem Klosterplatz passiert ist, lässt sich nicht mehr rekonstruieren.

Immerhin fand ebenso viele Jahre später unter dem Klosterplatz jemand das, was von dem Mammut übrig blieb — die Reste eines Stoßzahnes. Im bisher ältesten Geheimnis unserer „Nachrichten“-Serie treten wir den Nachweis an, dass sich mindestens ein Exemplar des größten Landsäugetiers aller Zeiten offenbar auch in Aachen eine zeitlang wohl fühlte.

Alles, was vom Zahn zu finden war: zwei Zeitungsfotos von 1958, beide mit einigen Tagen Abstand zueinander entstanden. Oben das zuerst gefundene Fragment. Repros: Harald Krömer.

Zugegeben: vielleicht ist das Mammut gar nicht auf dem Klosterplatz gestorben, sondern der Stoßzahn auf anderem Wege dorthin gelangt. Das ist kein unmögliches Szenario, sondern sogar die wahrscheinlichere Variante. Trotzdem ist ein so alter Fund in der Aachener Innenstadt ohne Vorbild.

Paläontologin „Frau Dr. Gräf“ mit erstem und zweiten Fragment des Stoßzahns vom Klosterplatz.

Fünf bis sieben Meter tief

Die Geschichte der Entdeckung spielt im Jahr 1958 auf der Baustelle des Bischöflichen Generalvikariats. In der Hauptrolle: Dr. Jakob Sommer. Bei Ausschachtungsarbeiten ragt, gleich neben einem Tranformatorenhäuschen, in einer Tiefe von rund fünf bis sieben Metern ein seltsames Gebilde aus dem Boden.

Die Bedeutung des Objekts wird nicht rechtzeitig erkannt und einen Augenblick später hat der Hieb mit einer Spitzhacke das Fundstück bereits in etliche Teile zerschlagen. Immerhin: ein gut 40 Zentimeter langes Stück „von der Dicke eines Kinderarmes“, wie es im Zeitungsartikel von '58 heißt, bleibt übrig. Bodenpfleger Sommer nimmt das Relikt an sich und bringt es zur Technischen Hochschule.

Mehr vom Urviech finden

Sachverständige sollen sich an der Bestimmung versuchen. Und die fällt, so man es heute aus der geschichtlichen Ferne rekonstruieren kann, eindeutig aus: unter dem Klosterplatz wurde das Mittelstück eines Mammutstoßzahns gefunden, das zwischen 100.000 und 200.000 Jahre alt sein soll. Über Einzelheiten, so die Wissenschaftler, könnten sie nichts sagen.

Das erfordere, den Fundort in Augenschein zu nehmen und dort noch einmal nachzusuchen, allerdings liege ein Großteil der Fundstelle mittlerweile unter einer Betondecke begraben. Das Fundstück selbst aber gibt Details preis: Im Inneren sei die Struktur des Elfenbeins zum Beispiel noch erkennbar, sagen die Gelehrten. Unter dem Fundstück hätten sie verwittertes Grundgebirge gefunden und auf der Außenseite des Zahns Spuren von Säureeinwirkung, die von Pflanzenwurzeln stammten.

Nachdem klar ist, um welch außergewöhnlichen Fund es sich handelt, will man trotz fortschreiten des Baus versuchen, mehr vom Urviech zu finden. Und die Nachsuche zeitigt Erfolg: einige Tage später findet die Geschichte eine Fortsetzung, die sich gewaschen hat. Ein zweites Stoßzahnfragment, mit rund einem Meter Länge sogar noch wesentlich größer als das erste, taucht auf und mit ihm die Frage, ob es sich um den zweiten Teil eines Zahnes, oder gar um Teile zweier unterschiedlicher Zähne handelt.

Außerdem stellen die Wissenschaftler, allen voran eine auf dem Gebiet der Paläontologie sehr bewanderte „Frau Dr. Gräf“, fest, dass die beiden Fragmente sehr lange an einem Ort gelegen haben müssen. Beide wiesen keine durch Bodenbewegung oder Transport in einem Fluss entstandenen abgeschliffenen Kanten auf. Alle Beteiligten hegen die Hoffnung, weitere Funde zu machen, sobald die Holzverschalung abgenommen wird.

Frisches Foto in Farbe?

Was Lebensraum und Fundumstände angeht, spreche nichts dagegen, dass das einst tonnenschwere Tier an dieser Stelle gestorben ist, sagt der Aachener Stadtarchäologe Markus Pavlovic heute. Die Tiere seien in unseren Breitengraden heimisch gewesen.

Und: das Elfenbein des Stoßzahnes war das härteste Material am oder im ganzen Mammut und hatte damit die größte Chance, so viele Jahrtausende zu überdauern. Es sei durchaus möglich, dass der Rest des Tierskeletts zwar da war, aber vergangen ist. Möglich sei allerdings auch, dass der Koloss von einer Gruppe Ur-Öcher gejagt und erlegt worden ist. Denn die Vorfahren der modernen Menschen, die zur Gruppe der Neandertaler gehörten und deren Anwesenheit durch einige wenige Fundstücke — einen Faustkeil aus Schönforst etwa — auch in Aachen nachgewiesen ist, teilten sich Lebensraum und -zeit mit den Mammuts.

Ein frisches Foto, gestochen scharf und in Farbe, hätte sich in diesem Artikel gut gemacht. Allerdings sträubte sich der Stoßzahn mit Kräften dagegen, gefunden zu werden. Eine Anfrage beim LVR-Landesmuseum Bonn verpuffte. Die Auskunft von Pressesprecherin Stephanie Müller nach intensiver Recherche: „Der Mammutzahn war nie bei uns. Wir haben keinerlei Unterlagen dazu. Selbst einen Eingangsvermerk gibt es nicht, und den bekommt jedes Objekt, wenn es zu uns kommt.“

Befindet sich das Relikt also doch noch irgendwo in Aachen? Auch die Nachforschungen dazu verliefen erst einmal im Sand. In einem 60 Jahre alten Zeitungsartikel wird berichtet, dass ein Fund ins Suermondt-Ludwig-Museum gebracht worden ist. Also: Anfrage. Michael Rief, stellvertretender Direktor des Museums und Kustos der Sammlungen, kann sich daran erinnern, etwas derartiges vielleicht im eigenen Depot schon einmal in einer Kiste gesehen zu haben und sagt zu, dem Fundstück nachzuspüren.

Großes Interesse an den Recherchen zum Verbleib des Stoßzahns zeigt die Stadtarchäologie. Aus heutiger Sicht sei die Datierung der Mammutreste nämlich nicht mehr ganz so eindeutig, wie es noch 1958 schien. „Zum einen ist ja nicht überliefert, mit welcher Methode damals datiert worden ist“, sagt Stadtarchäologe Pavlovic.

Außerdem seien die Möglichkeiten damals lange nicht so vielfältig und ausgereift gewesen, wie sie es heute sind. Insofern würde er die Altersbestimmung grundsätzlich erst einmal in Zweifel ziehen. „Falls das Objekt noch aufzutreiben ist, hätten wir eventuell finanzielle Mittel, um weitere Untersuchungen durchführen zu lassen.“

Keine Fragmente, nirgendwo

Und an genau dieser Stelle muss nun erst einmal der Punkt gesetzt werden und die Geschichte ein zumindest vorläufiges Ende finden. Letzte Meldung von Rief aus dem Suermondt-Ludwig-Museum: keine Stoßzahnfragmente. Wo sich die mindestens zwei Teile befinden, ist in diesem Moment nicht zu ermitteln. Vielleicht tauchen sie irgendwann durch Zufall wieder auf, können mit modernen Methoden untersucht und dann der Öffentlichkeit in Aachen präsentiert werden. In sofern liegt eine Fortsetzung zumindest im Bereich des Möglichen.

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