Aachen: Gegen die unsichtbare Behinderung

Aachen : Gegen die unsichtbare Behinderung

„Ich bin schwerhörig — und das ist auch gut so“, heißt es in dem Buch von Dr. Ulla Schultens-Kaltheuner. Im August wird die Autorin und Ärztin in der Volkshochschule (VHS) Aachen unter Mithilfe der Aachener Kontaktstelle für Selbsthilfe über ihre Erfahrungen als Hörgeräteträgerin sprechen.

Das Besondere: Es wird die erste Veranstaltung in einem Raum der Stadt in Aachen sein, die per fester Induktionsschleife auf diverse Hörgeräte übertragen wird. Diese Technik ermöglicht es auch Hörgeschädigten, dem Vortrag zu lauschen.

„Ich höre so wenig, dass ich nicht mal nachts eine Sirene hören würde“, erklärt Erich Stier, Vorstand des Hörgeschädigtenzentrums (HGZ) und langjähriger Unterstützer von induktiven Höranlagen in der Region. Versucht er, einem Vortrag zu folgen, komme die Stimme wie Brei in seinem Ohr an, so Stier. Die induktive Hörschleife soll — zumindest für das Forum der VHS — Abhilfe schaffen. Rund 900 Euro hat das Gerät gekostet. „Es ist kein Geldfaktor, sondern eine Frage des Darandenkens“, betont er.

Schon seit einiger Zeit kommen in Aachen Induktionsschleifen zum Einsatz. Neben dem Dom verfügen rund 20 Kirchen über solche Anlagen, ebenso wie das Eurogress. „Dort wird das Angebot aber kaum genutzt“, weiß Stier. Meist handelt es sich dabei um mobile Hörschleifen, die die Betroffenen sich am Eingang abholen und umhängen müssen. In der VHS fällt diese — für einige Menschen peinliche — Hürde weg. „Man braucht abgesehen vom Hörgerät nichts mitzubringen“, erklärt Beate Blüggel, Direktorin der VHS. Einzig die sogenannte „T-Spule“, die in fast allen Hörgeräten inklusive ist, muss aktiviert werden. Norma­lerweise reicht dafür ein einfacher Knopfdruck auf der Fernbedienung. Per Funkverbindung kann die Hörentfernung dann ganz simpel überwunden werden.

Generell sind von Gehörproblemen weitaus mehr Menschen betroffen, als viele zunächst annehmen. „Uns fällt der Rollstuhlfahrer auf, der Blinde. Das Hörgerät sehen wir nicht“, meint Anne Elsen, Geschäftsführerin des Hörgeschädigtenzentrums Aachen. Es ist eben eine unsichtbare Behinderung.

Momentan leidet knapp ein Fünftel der Bevölkerung an Hörproblemen — manche ohne es zu wissen. Rund vier Prozent sind sogar hochgradig hörgeschädigt, erläutert Norbert Böttges, Vorsitzender des Landesverbands NRW des Deutschen Schwerhörigenbundes. In Aachen entspreche das mehr als 10.000 Menschen. Mithilfe der Inbetriebnahme der Induktionsschleife können sie alle dennoch dem Vortrag von Dr. Ulla Schultens-Kaltheuner am Mittwoch, 22. August, um 18 Uhr im Forum der Volkshochschule zuhören.

Und wem auch das Hörgerät nichts mehr nützt, der kann die Veranstaltung dennoch verfolgen — per Gebärden-Dolmetscherin.