Gefahrenstellen.de geht mit Wissenschaftlern aus Aachen in Runde 2

Sicherheit im Straßenverkehr : Aachener Wissenschaftler setzen mit Webseite auf smarte Daten

Wie kann man Unfälle vermeiden und Gefahrenstellen entschärfen, bevor es knallt? Aachener Wissenschaftler wollen dies für weitere drei Jahre erforschen und setzen dabei auf die Unterstützung der Aachener. Doch nicht nur ihre Angaben werden benötigt.

Auf der offenen Straße wird jeder zum Experten. Diesen Eindruck könnte man zumindest bekommen, wenn man in die einschlägigen Foren rund um das Thema Straßenverkehr schnuppert. Eine Ampelschaltung, die Autos wie Radfahrern zeitgleich grün signalisiert? „Was für ein Blödsinn!“ Eine Kreuzung, an der es immer wieder zu Beinaheunfällen kommt? „Wie konnte sich jemand das nur ausdenken?“ Und vor allem: „Warum ändert das keiner?“

Seit Mai 2018 haben Verkehrsteilnehmer die Möglichkeit, ihre subjektive Wahrnehmung von riskanten Kreuzungen oder Straßenführungen zentral über die Plattform gefahrenstellen.de mitzuteilen. Rund 1000 kritische Punkte wurden im Raum Aachen bereits markiert und beschrieben. Dazu kommen pro Gefahrenstelle durchschnittlich drei Unterstützer, die die Situation ebenfalls als kritisch bewerten. Das Ziel des Projekts, das vom Institut für Straßenwesen der RWTH Aachen wissenschaftlich begleitet wird, ist einleuchtend und knifflig zugleich: „Wir wollen Gefahrenstellen erkennen, bevor Unfälle passieren“, sagt Dirk Kemper, Oberingenieur am Institut für Straßenwesen.

Täglich brenzlige Situationen

Dass es sinnvoll ist, nicht lediglich auf Unfallhäufungen zu reagieren, sondern proaktiv diejenigen miteinzubeziehen, die brenzlige Situationen tagtäglich erleben – ob im Auto, auf dem Fahrrad oder als Fußgänger –, hat die einjährige Machbarkeitsstudie des Projekts „Früherkennung von Gefahrenstellen im Straßenverkehr“ (FeGiS) bewiesen. Im vergangenen Juli begann die zweite Förderlinie. Bis Juni 2022 kann das Projekt also weiter mit Daten gefüttert werden. Gefragt ist nun allerdings nicht mehr nur die Expertise von Rad-, Auto- und/oder Motorradfahrern. Ihre Erfahrungen und Wahrnehmungen sollen mit weiteren Datenquellen verknüpft werden, zum Beispiel mit polizeilichen Unfalldaten.

Datensammler: Jörg Ehlers (links) und Oberingenieur Dirk Kemper vom Institut für Straßenwesen hoffen, dass weiterhin viele Aachener Gefahrenstellen melden. Foto: Andreas Schmitter / Schmitter Fotografie

So ist nicht nur das Projektvolumen mit knapp 1,5 Millionen Euro deutlich größer geworden (rund eine Million Euro kommt vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur). Auch das Projektkonsortium ist gewachsen. Zur RWTH Aachen und der Bonner „Initiative für sicherere Straßen“ als Verbundkoordinator haben sich die Deutsche Hochschule der Polizei in Münster, das Softwareunternehmen PTV Planung Transport Verkehr aus Karlsruhe und die DTV Verkehrsconsult GmbH aus Aachen als Partner gesellt.

Auch in Aachen ist das Team größer geworden. Während Dirk Kemper die Machbarkeitsstudie nach eigenen Angaben noch „nebenher“ stemmen konnte, hat er nun Unterstützung erhalten. Die Federführung für „FeGiS+“ übernahm Jörg Ehlers als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Seine Aufgabe ist es nun, zu erarbeiten, wie möglichst viele Nutzergruppen von dem Projekt profitieren können: Verkehrsteilnehmer, die vor gefährlichen Stellen gewarnt werden, Ingenieurbüros, die ebenjene Situationen bei ihrer Planung vermeiden wollen, und letztlich auch die Kommunen selbst. Langfristig sollen die deutschlandweit erfassten Daten einheitlich aufbereitet und in einer Cloud den verschiedenen Anwendergruppen zur Verfügung gestellt werden. Denn allein der Zugang zu polizeilichen Unfalldaten sei knifflig und für Kommunen aufwendig, sagt Kemper.

Das Stichwort, mit dem dieser Umstand behoben werden soll, lautet Smart Data. So bezeichnet man Datenbestände, die mittels Algorithmen nach bestimmten Strukturen aus größeren Datensätzen gewonnen wurden. Sprich: Datensätze, mit denen man etwas Sinnvolles anfangen kann – zum Beispiel den Verkehr sicherer machen.

Deshalb hoffen Ehlers und Kemper, dass auch in Zukunft die Aachener fleißig Gefahrenstellen markieren. Denn die vermeintlichen Laien verfügen durchaus über nützliche Expertise, wie die Machbarkeitsstudie gezeigt habe. So wurde zum Beispiel der Kreuzungsbereich Vaalser Straße/Amsterdamer Ring auf der Plattform mehr als ein halbes Jahr vor dem tödlichen Unfall mit einer Radfahrerin als überaus gefährlich markiert. „Wenn viele Leute eine gefährliche Stelle melden, deckt sich das mit den Unfallzahlen“, sagt Ehlers. Inwiefern es eine objektive Grundlage für das subjektive Gefühl von Verkehrsteilnehmern gibt, ist auch Gegenstand einer Masterarbeit, die aus dem FeGiS-Projekt entstanden ist (siehe Infokasten).

Neben den Meldungen von Verkehrsteilnehmern und polizeilichen Unfalldaten setzen die Wissenschaftler auch auf sogenannte Impuls-Daten. So könnten etwa auffällige Bewegungsdaten – etwa abrupte und scharfe Bremsvorgänge – über das Smartphone oder das Auto an die Projektmacher weitergegeben werden – natürlich ohne personenbezogene Daten und komplette Strecken zu erheben, betont Ehlers. Das sei jedoch noch Zukunftsmusik. In einem nächsten Schritt soll die Plattform gefahrenstellen.de als Kommunikationstool zwischen Kommunen und Verkehrsteilnehmern ausgebaut werden, berichtet Ehlers. So könnten die Stadtverwaltung direkt auf der Plattform auf konkrete Meldungen reagieren und über anstehende Maßnahmen, die die Gefahrenstelle entschärfen sollen, informieren. Frei nach dem Motto: Der eine Experte informiert den anderen.