Aachen: Gedenken an Reichsprogromnacht: Junge Opfer im Fokus

Aachen: Gedenken an Reichsprogromnacht: Junge Opfer im Fokus

Es wurde ganz still, als die Schülerinnen des Einhard-Gymnasiums von Carl Amberg und seinem Schicksal erzählten. Als jüdischer Junge in Aachen geboren, bekommt er schon zu Schulzeiten die Repressalien der Nazis zu spüren. Seine Mutter schickt ihn daraufhin geistesgegenwärtig auf ein jüdisches Internat in Berlin. Aber auch hier ist er nicht sicher.

Er bekommt ein Stipendium und geht nach England, aber auch diese Zuflucht soll nicht von Dauer sein. Nachdem die Briten Flüchtlingskinder aus Deutschland zunächst aufnehmen, ändern sie ihre Politik, als der Krieg beginnt. „Alle Deutschen gelten plötzlich als Feinde“, erzählen die Schülerinnen. Für Carl Amberg bedeutet das Verhaftung, Inhaftierung und Verlegung von einem Internierungslager ins andere, bis er schließlich in Kanada landet. „Carl Amberg glaubte immer an einen Irrtum“, erzählen die Schülerinnen. Doch die Hoffnung freizukommen, sollte sich nicht so bald erfüllen.

Carl Amberg kommt mit dem Leben davon. Seine Mutter, der es nicht gelang, Deutschland zu verlassen, wurde in Auschwitz ermordet. Das Gedenken an die Reichspogromnacht zentrierte sich in diesem Jahr auf das Schicksal unzähliger Kinder, die aus Deutschland fliehen konnten und in Großbritannien oder Belgien Zuflucht fanden. „Sie mussten ihre Identität ablegen, ihren Glauben leugnen, und einen neuen Namen annehmen“, sagte Alexandra Simon-Tönges zu Beginn des feierlichen Gedenkens all derer, die unter dem Naziregime ihr Leben verloren. Viele Kinder haben den Nationalsozialismus zwar überlebt, zahlten aber offenbar auch einen Preis dafür: Depressionen, Angstzustände und immer wiederkehrende Erinnerungen an das erlebte Leid.

„Großbritannien rettete 10.000 Kinder“, sagte Ralf Dallmann, Gruppe Z Stolberg, zur Einführung. Sonst aber war offensichtlich kein Land bereit, jüdische Kinder aus Deutschland aufzunehmen. Dass Carl Amberg in Kanada in ein Lager kam, das zwischen Nazis und den Opfern des Nationalsozialismus anfangs nicht unterschied und erst später für eine Trennung der beiden Gruppen sorgte, ist für die Schülerinnen des Einhard-Gymnasiums kaum fassbar. Sie haben sich im Rahmen des Projektes „Stolpersteine“ mit dem Schicksal jüdischer Familien befasst. Carl Amberg besuchte das Kaiser-Wilhelm-Gymnasium, aus dem das heutige Einhard-Gymnasium hervorging. Die Schüler hatten so einen direkten Bezug bei ihrer Spurensuche.

„Solche Biographien haben uns sensibel für das Schicksal der Flüchtlinge heute gemacht“, sagten sie. „Sie haben auf der Flucht so viel Leid erfahren, und wir begegnen ihnen hier mit Misstrauen“, meinte eine der Schülerinnen.

Nach dem Gedenken, das in diesem Jahr in der VHS an der Peterstraße stattfand, gingen die Besucher für eine Schweigeminute zur Synagoge. Auch die Evangelische Kirchengemeinde im Rheinland lud am Donnerstag zu einer Gedenkstunde in den Krönungssaal ein.

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