Aachen: Geburtenkontrolle für die Stadttauben

Aachen : Geburtenkontrolle für die Stadttauben

Die Tauben vom Kaiserplatz haben ihr Haus hoch oben auf dem Adalbertsberg, im Schatten ehrwürdiger Kirchenmauern. Wer sie besucht, muss durch eine sehr kleine Tür, über ein paar enge Stufen und durch den Heizungskeller von St. Adalbert.

Erika Röll würde den Weg wohl auch blind finden. Seit langem engagiert sie sich ehrenamtlich für das Aachener Taubenprojekt und hat auch den Taubenschlag auf dem Adalbertsberg über Jahre betreut.

Im Taubenhaus auf dem Adalbertsberg ist viel los. Die Taubeneier werden den brütenden Tieren regelmäßig weggenommen. Ehrenamtlerin Erika Röll (l.) und Elke Wartmann vom städtischen Ordnungsamt kümmern sich seit vielen Jahren um die Aachener Stadttauben. Foto: Andreas Herrmann

Streng genommen werden die Tauben dort Opfer eines Betrugs. Die ehrenamtlichen Betreuer versorgen sie mit Körnerfutter und frischem Wasser. Sie stehlen den brütenden Tauben aber auch die Eier und schieben ihnen Gipsattrappen unter. So vermeidet man, dass sich die Tiere unkontrolliert vermehren.

Im Taubenhaus auf dem Adalbertsberg ist viel los. Die Taubeneier werden den brütenden Tieren regelmäßig weggenommen. Ehrenamtlerin Erika Röll (l.) und Elke Wartmann vom städtischen Ordnungsamt kümmern sich seit vielen Jahren um die Aachener Stadttauben. Foto: Andreas Herrmann

Seit 1995 betreibt die Aachener Arbeitsgruppe Stadttauben, ein Zusammenschluss von Vertretern aus Natur- und Tierschutzverbänden, Politik und Verwaltung, diese Art der Geburtenkontrolle. Längst hat das Projekt weithin Nachahmer gefunden. 2007 wurde es mit dem Tierschutzpreis NRW ausgezeichnet.

Im Taubenhaus auf dem Adalbertsberg ist viel los. Die Taubeneier werden den brütenden Tieren regelmäßig weggenommen. Ehrenamtlerin Erika Röll (l.) und Elke Wartmann vom städtischen Ordnungsamt kümmern sich seit vielen Jahren um die Aachener Stadttauben. Foto: Andreas Herrmann

Neun Taubenschläge betreut das Projekt aktuell. Beim Ortstermin auf dem Adalbertsberg zeigt Erika Röll zehn Taubeneier, die sie gegen Gipseier ausgetauscht hat. Es geht aber nicht nur um die Vermeidung von Nachwuchs. Die Tiere werden in den Schlägen artgerecht ernährt, das hält sie gesund. Sehr positiver Nebeneffekt: Sie werden anderswo nicht lästig. Tauben seien nämlich ziemlich häuslich, berichtet Taubenexpertin Elke Wartmann, Abteilungsleiterin im städtischen Fachbereich Sicherheit und Ordnung: „Tauben verbringen einen Großteil ihres Lebens im Schlag.“

Tauben gehören auch in Aachen zum Stadtbild. Mit Taubenschlägen soll ihr Bestand aber. Foto: Andreas Herrmann

Entsprechend viel Taubendreck fällt in den betreuten Schlägen des Projekts an. „Das sind gut 9000 Kilo Kot pro Jahr, die nicht im öffentlichen Bereich landen“, stellt Wartmann zufrieden fest. Sie ist überzeugt: Dem Stadtbild merkt man an, dass es in Aachen weniger wilde Brutstätten gibt.

Rund 6000 Eier im Jahr

Natürlich ließen sich mit Taubenschlägen nicht alle Tauben in der Stadt sesshaft machen, sagt Wartmann. Aber immerhin gut 1600 Tiere leben in den betreuten Schlägen. Man schätzt, dass das etwa die Hälfte der gesamten Aachener Taubenschar ist. Rund 6000 Eier nehmen die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer den 1600 Tauben jedes Jahr weg. Die Kosten für die Unterhaltung der Schläge, rund 55.000 Euro im Jahr, trägt die Stadt Aachen.

Die Leute vom Taubenprojekt sind bemüht, die Belange der Tauben bereits bei der Stadtplanung und bei anstehenden Baumaßnahmen in den Blick zu rücken. Bei der Sanierung des Burtscheider Eisenbahnviadukts ist das gelungen. Für die Tauben, die dort vertrieben wurden, wurde an der Bachstraße ein neuer Schlag eingerichtet. Mit mobilen Futterstellen hat Erika Röll die Tauben dorthin gelockt. Ziemlich aufwendig war das. „Jeden Tag einen Meter weiter“, erzählt sie. Ein Dreivierteljahr habe sie gebraucht — auch weil private Taubenfütterer die Umsiedlung immer wieder behinderten und anderswo Futter ausstreuten.

Füttern streng verboten

Stichwort Füttern: ein heikles Thema. Tauben zu füttern ist nach der Aachener Straßenverordnung ausdrücklich und bei Androhung eines Bußgelds verboten. Gefüttert wird trotzdem, sehr zum Leidwesen der Helfer aus dem Taubenprojekt. Denn altes Brot, so gut es auch gemeint sein mag, tut Tauben nicht gut. Und es lockt die Tiere an Orte, an denen sie für viele ein Ärgernis sind.

Auch ein ambitioniertes Taubenprojekt wie das in Aachen verhindert nicht, dass es ab und an Aufregung um die Vögel gibt — vor allem wenn sie dort Dreck machen, wo es stört. Im Hauptbahnhof etwa gab es Anfang des Jahres massive Beschwerden über lästige Exemplare in der Bahnhofshalle. Und unter der Eisenbahnbrücke über Kasinostraße und Kurbrunnenstraße verirrten sich in der Vergangenheit immer mal wieder Tauben hinter die Netze, die die Deutsche Bahn AG eigentlich zur Taubenabwehr gespannt hatte. Tierschützer schlugen Alarm, die Feuerwehr musste zur Rettung sogar mit der Leiter anrücken.

Elke Wartmann hat seit 35 Jahren beruflich mit Tauben zu tun. An den Tieren, beobachtet sie, scheiden sich die Geister: „Die einen lieben die Tauben, die anderen hassen sie. Dazwischen gibt es nichts.“ Und Erika Röll ergänzt: „Den einen tun wir nicht genug, den anderen zu viel.“ Dass sie in Aachen auf dem richtigen Weg sind, merkt Elke Wartmann aber immer, wenn sie mal woanders ist. „Im Vergleich zu Köln“, sagt sie, „hat Aachen wenig Tauben“.

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