Aachen: „Gartenkinder“ spielen bei den Kleingärtnern

Aachen : „Gartenkinder“ spielen bei den Kleingärtnern

Die „Gartenkinder“ sind da. Das Vereinsheim der altehrwürdigen Kleingartenkolonie Hangeweiher e.V. hat neue Mieter. Unweit des Freibads spielen und lernen nun 15 Kleinkinder in einer Kindertagesstätte inmitten von 82 Kleingartenparzellen. „Wir sind ein Pilotprojekt“, sagt Kita-Leiterin Annette Host.

„Eine Kita in einer Kleingartenanlage, das gibt es so bisher noch nirgendwo.“ Denn die neuen Mieter und die Kleingärtner nutzen das Vereinsheim gemeinsam.

Mit viel Mühe und Arbeit ist eine unkonventionelle Idee umgesetzt worden, von der Kita und Kleingärtner profitieren. Denn Annette Host brauchte dringend neue Räume für ihre Kleinen, und die Gartenanlage suchte eine neue Nutzung für ein Vereinsheim, das sich finanziell nicht mehr wirklich rechnete. Wie es aussieht, gibt es jetzt Gewinner auf beiden Seiten.

Die Kita: Annette Host (56) ist eigentlich Physiotherapeutin. Vor 16 Jahren stieg sie in die Kinderbetreuung ein. Sie qualifizierte sich als Tagesmutter, erwarb ein Diplom in Montessori-Pädagogik und legte an der Käthe-Kollwitz-Schule die externe Prüfung als Erzieherin ab. Für ihre U3-Spielgruppe war Annette Host im vergangenen Jahr auf der Suche nach neuen Räumen — just zu der Zeit, als die Kleingärtner vom Hangeweiher überlegten, wie es mit ihrem Vereinsheim weitergehen könnte.

Mit Herzblut aufgebaut

Die Kleingärtner: In den 1920er Jahren, erzählt Vorsitzende Carola Ganster, wurden am Hangeweiher die ersten Kleingartenparzellen angelegt. In den 1980er Jahren entstand das Vereinsheim unweit des Eingangs an der Klemensstraße. „Da ist ganz viel in Eigenleistung gebaut worden“, weiß Ganster. Die Zapfanlage für die Theke kam aus einer ehemaligen Kneipe, einige Fenster wurden vom Abriss des Alten Klinikums herübergerettet. Rauschende Fest sind in dem Häuschen gefeiert worden.

Aber auch am Hangeweiher veränderte sich das Kleingartenwesen, die Nachfrage nach Geselligkeit im Vereinsheim nahm ab. Irgendwann rechnete sich die Sache einfach nicht mehr. „Über den Mietzins waren unsere laufenden Kosten nicht mehr zu decken“, bilanziert die Vorsitzende. Ende 2015 verließ die letzte Pächterin das Vereinsheim. Und jetzt sind die „Gartenkinder“ eingezogen.

Von der ersten Idee bis zum Einzug muss man sich das wohl als eine Art Hindernislauf vorstellen. Zunächst mussten die Kleingärtner von dem unkonventionellen Modell überzeugt werden. Schließlich hängen vor allem die Älteren mit Herzblut an ihren Vereinsheim. Viele Genehmigungen und ein umfangreicher Umbau waren nötig. Annette Holst schluckt noch heute, wenn sie allein an all die Auflagen zurückdenkt.

Sie haben die Theke verkleidet, die Wände bis zur Decke gefliest, einen Wickelraum und eine Kindertoilette eingebaut... Nun aber ist alles offiziell abgesegnet, einzig das Ergebnis der Trinkwasserprobe stand am Freitag noch aus. Die Kita-Räume sind mit einem mobilen Wandsystem abgetrennt worden. Und wenn die Kleingärtner mal Platz brauchen für eine Versammlung am Abend, dann kann man die Wände einfach rausnehmen.

Finanzieren konnte Annette Host ihr Projekt mit viel Unterstützung — und mit Fördergeldern, vor allem vom Land. „Ich gehe durchaus ein finanzielles Risiko ein“, sagt sie. „Aber ich bin sehr zuversichtlich.“

In seiner Septembersitzung hat der städtische Kinder- und Jugendausschuss die „Gartenkinder Hangeweiher gemeinnützige Unternehmergesellschaft“ als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt. Damit ist der Weg frei für die öffentliche Förderung der 15 Kita-Plätze nach dem NRW-Kinderbildungsgesetz (Kibiz). Das wirkt sich positiv auf die Elternbeiträge aus. Die Familien zahlen künftig für ihren Kita-Platz einkommensabhängig nach der städtischen Satzung.

Aktuell gehören acht einjährige und sieben zweijährige Kinder zu den „Gartenkindern“ vom Hangeweiher, betreut werden sie von einem fünfköpfigen Team. Und es gibt schon eine Warteliste.

Miteinander soll gedeihen

Die neue Kita soll nicht nur Mieterin sein bei den Kleingärtnern. Zwischen Gemüse, Obst und Blumen soll auch das Miteinander gedeihen. Am Sonntag, 28. Oktober, feiert die Kita am Vormittag offiziell Eröffnung, nachmittags feiern die Kleingärtner Erntedank. Da dürfte es Gelegenheit zum Kennenlernen geben. Und zum Martinssingen der Kleinen am Lagerfeuer im November sind die Kleingärtner auch schon eingeladen.

Zum neuen Miteinander gehört es auch, dass alle Kita-Eltern inaktive Mitglieder im Kleingartenverein werden. Oder dass das eingezäunte Außenspielgelände der Kindertagesstätte breite Törchen hat, so dass ein Hobbygärtner da auch bequem mit seiner Schubkarre durchkommt.

Kita-Leitung und Kleingärtnervorstand haben noch einige Projekte in der Mache. Der Barfußpfad auf dem Gelände soll bald fertiggestellt werden. „Dafür hoffen wir auch auf Spenden“, sagt Annette Host. Gerne würde sie in ihrer Kita auch Platz-Sharing anbieten. Bei einem solchen Modell teilen sich zwei Familien einen Kita-Platz. Thema ist das in Aachen zwar immer mal wieder, wenn es um den U3-Ausbau geht. Umgesetzt ist es aber bisher nicht.

Erreichbar sind die „Gartenkinder“ per E-Mail an annettehost@googlemail.com.

Mehr von Aachener Nachrichten