Fundsachen werden in Aachen nach einem halben Jahr versteigert

E-Bikes und Goldschmuck finden neue Besitzer : Wenn die Verwaltung zum Auktionshaus wird

Ein schickes E-Bike für 700 Euro oder ein edler Goldring für 120 Euro: Am Dienstag hat das städtische Ordnungsamt seine Bestände aufgeräumt. Allerhand, was Menschen in Aachen so vergessen oder verloren haben, kommt bei den Fundsachenversteigerungen unter den Hammer.

„Ach, hier sind wohl nur reiche Leute! Ich wollte hier eigentlich ein Fahrrad für einen Euro kaufen!“ Das, was der ältere Herr am Dienstagmorgen halb im Scherz ausruft, bringt die rund 50 Frauen und Männer im Foyer des Verwaltungsgebäudes Am Marschiertor zum Lachen. Doch nur für kurze Zeit, dann konzentrieren sich alle wieder auf Stephan Schmitz. Denn Schmitz ist der, der die Fahrräder versteigert.

Etwa 80 Fahrräder landen pro Jahr bei Schmitz und seinen Kollegen des Aachener Ordnungsamts. Es sind Räder, die vergessen oder verloren wurden, und nach denen der ursprüngliche Besitzer sich seit mindestens einem halben Jahr nicht erkundigt hat. „Oft bekommen wir die Räder von der Polizei oder von Bürgern, die sie irgendwo finden“, sagt Elke Wachtmann, Abteilungsleiterin beim Ordnungsamt. Die Wertigkeit der Fundräder sei ganz unterschiedlich.

Bezahlt wird sofort

Das sieht man auch bei der Versteigerung von Stephan Schmitz: „Als nächstes haben wir dieses Rad“, sagt der städtische Mitarbeiter und legt seine Hand auf den Sattel eines hochwertigen E-Bikes, das zumindest auf den ersten Blick ziemlich intakt scheint. Neupreis: rund 2000 Euro. Im Verwaltungsgebäude kommt es an diesem Morgen für 700 Euro unter den Hammer. Wer erfolgreich bietet, muss sofort bezahlen, sonst darf er das Rad nicht mitnehmen.

Zweimal im Jahr führt das städtische Ordnungsamt solche Fundsachenversteigerungen durch. Etwa 2000 bis 3000 Euro, kommen pro Termin für die Stadtkasse zusammen. Stephan Schmitz’ Hand ruht mittlerweile auf dem Sattel eines Rennrads. Mehrere Interessenten haben sich um das Rad versammelt und beäugen es neugierig bis fachmännisch. Eine junge Studentin, die mit ihrem Freund hergekommen ist – beide brauchen ein neues Rad – bekommt den Zuschlag. Sie hat sich gegen einen Radhändler durchgesetzt, der an diesem Morgen insgesamt fünf der 26 zum Verkauf stehenden Drahtesel mit nach Hause nimmt.

„Es sind natürlich nicht alle Räder, die wir versteigern, so hochwertig“, sagt Elke Wartmann, und auch für die Funktionstüchtigkeit könne man keine Garantie geben. Doch das Risiko – gekauft wie gesehen – gehen die Leute offenbar gerne ein. Auch ein älteres Damenrad mit einem mit Blumen verzierten Körbchen findet einen neuen Besitzer. „Bald ist Muttertag“, sagt der Mann lachend und zeigt auf die Plastiksonnenblumen.

Nach etwas unter einer Stunde sind alle Räder verkauft. Nach diesem ersten Teil folgt Teil 2: Sonstiges. Da haben Elke Wartmann und ihre Mannschaft schon viele Dinge in ihrem Bestand erlebt, auch wenn nicht alles versteigert wird. Neben den Klassikern wie Handys oder Schlüsseln gibt es auch Rollstühle, Kinderwagen oder Prothesen unter den Fundsachen in Aachen. „Wir haben aufgehört, uns zu wundern.“

Stephan Schmitz hält jetzt einen golden funkelnden Ring in die Luft. „Das Startgebot liegt bei 50 Euro“, sagt er. Ob man den Ring denn mal genauer anschauen dürfe, will ein Interessent wissen, doch Schmitz muss verneinen. Die Möglichkeit, sich die Verkaufsobjekte anzuschauen, gibt es vor der Auktion. „Wenn wir jetzt noch jeden kleinen Ring begutachten, dann dauert die Auktion zu lange“, sagt er entschuldigend. Immerhin muss er heute noch kistenweise Schirme, Kleidungsstücke, Spielzeug oder auch Videospiele unters Volk bringen.

„Wir machen diese Versteigerungen auch deshalb, weil wir im Lager irgendwann an unsere Kapazitäten stoßen“, sagt Elke Wartmann. Sie empfiehlt übrigens jedem, der etwas vermisst, ob nun gestohlen oder verloren, mal beim Fundbüro nachzufragen, „und zwar nicht nur am Tag des Verlustes, sondern vielleicht eine Woche später.“ Denn so manches Fundstück sei erst ein paar Tage unterwegs, bevor es beim Ordnungsamt landet – und sechs Monate später von Stephan Schmitz versteigert wird.

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