Aachen: Fukushima-Flüchtlinge: Das Lächeln in den Gesichtern ist verschwunden

Aachen: Fukushima-Flüchtlinge: Das Lächeln in den Gesichtern ist verschwunden

Seit am 11. März 2011 ein folgenschwerer Tsunami auf die Küste der japanischen Präfektur Fukushima traf, ist deren Name ein Fanal für menschliche Selbstüberschätzung. Der Reaktorunfall infolge des Ausfalls der Kühlsysteme hat die umliegenden Gebiete für lange Zeit unbewohnbar gemacht und die Bewohner zur Flucht gezwungen.

Eine davon ist die Familie Kusano aus Iwaki, die am Sonntag in den Räumen der Aachener Grünen von ihrem Schicksal berichtete. Zwischen der Großstadt Iwaki und dem havarierten Atomkraftwerk liegen gerade einmal 60 Kilometer — also ziemlich genau jene Distanz, die auch Aachen vom Pannenmeiler in Tihange trennt. Und ginge es nach der japanischen Zentralregierung, sagte Kusano, dann würde sie mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen noch immer dort leben. Denn evakuiert wurde nach dem Reaktorunfall lediglich eine Zone im Umkreis von 30 Kilometern. Wer außerhalb dieses Bereichs wohnte, habe weder Hilfe noch Entschädigungen erhalten.

Mit dem Standpunkt der Regierung, dass in Iwaki keine Gefahr durch radioaktive Strahlung drohe, wollten sich aber viele Bewohner nicht zufrieden geben. Sie gaben eigene Laboruntersuchungen in Auftrag, die diese Behauptung widerlegten: Lag die Menge der radioaktiven Substanz vor der Katastrophe noch bei 15 Becquerel pro Kilogramm, waren es selbst fünf Jahre danach noch mehr als 11 000 Becquerel pro Kilogramm.

Für die Familie war das der Grund, von Iwaki nach Tokio zu ziehen und sie gehörte damit zu den sogenannten „freiwilligen Flüchtlingen“, die ihre Heimat ohne Geheiß der Regierung verlassen hatten. Viele Ehemänner seien aber dennoch in der Gefahrenzone geblieben, weil sie woanders keine Arbeit mehr finden würden, schilderte Kusano.

Auch für ihren Sohn war das Martyrium mit der Flucht nicht beendet. In Tokio, wo er fortan zur Schule ging, wurde er erpresst und gemobbt, weil sich hartnäckig Gerüchte hielten, dass geflüchtete Familien hohe Entschädigungssummen erhalten hätten und kostenlos in der Stadt wohnen dürften. Die Drangsalierungen gingen so weit, dass er mit zehn Jahren auf seinen Wunschzettel zum „Tanabata“-Sternfest schrieb: „Ich möchte in den Himmel gehen.“

Seither hält er — mittlerweile an einer anderen Schule — seine Identität und seine Herkunft geheim. In Iwaki, erzählte seine Mutter, sei der Alltag wie überall im Land längst wieder zurückgekehrt. „Wenn man sich heute in Japan kritisch über Atomkraft äußert, gilt man sofort als radikal und gefährlich für die Gesellschaft“, sagte Kusano. Still und leise, so scheine es, wolle die breite Bevölkerung diese Katastrophe und ihre Folgen vergessen — und auch an der Atomkraft halte die Regierung weiter eisern fest.

„Das Lächeln gibt es nicht mehr“

Bei ihrem Vortrag am Sonntag zeigte sie auch Bilder eines lokalen Künstlers, der damit begonnen hatte, die Bewohner von Iwaki zu zeichnen, wie sie vor dem 11. März 2011 waren. Die Menschen darauf lächeln unbeschwert, und der Hund einer Familie, der bei der Katastrophe getötet wurde, lebt noch. Der Zeichner zeigt glückliche Gesichter, die in eine frohe Zukunft schauen. „Er muss ein gutes Vorstellungsvermögen haben“, sagte Kusano, „denn das Lächeln dieser Menschen gibt es nicht mehr.“

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