Aachen: Für die städtische Baudirektorin Regina Poth sind Baustellen ihr Zuhause

Aachen : Für die städtische Baudirektorin Regina Poth sind Baustellen ihr Zuhause

Wer kann ihr schon das Wasser reichen? In Sachen Straßenbau ist sie eine geballte Ladung Fachkompetenz, hoch geschätzt bis ins Bundesverkehrsministerium. Ihr fundiertes Fachwissen wird der Stadt bald fehlen. Ende August tritt die städtische Baudirektorin Regina Poth in den Ruhestand.

Wer kennt sie als „Baudirektorin“? Wenn in Aachen an einer Straße, einer Busspur oder einem Kanal gebuddelt wird, ist „die Frau Poth“ dabei. Die Frau Poth erklärt, wie eine Maßnahme zu managen ist — bautechnisch, finanztechnisch, rechtlich. „Mein Anliegen war immer, im Dienst der Stadt die Politiker, die entscheiden, nach bestem Wissen zu beraten“, sagt sie, stockt einen Moment und fährt fort: „ihnen aber auch, wenn sie anderer Meinung waren, die Konsequenzen aufzuzeigen.“

BU Foto: Andreas Herrmann. Foto: Foto: Plitzner

Ein Halbsatz, der einiges über die 64-Jährige verrät. Das Fachliche und das Politische, meint sie, „sind nicht immer deckungsgleich, das Politische ist nicht immer identisch mit dem, wozu ich rate“. Sie gesteht: „Das ist manchmal schwer zu verkraften, wenn Politiker anders entscheiden.“

Solche Schwer-zu-verkraften-Momente der Regina Poth in Fachausschüssen und im Stadtrat zu beobachten, konnte vergnüglich sein: Auf uneinsichtig bockige oder sich unsachlich gebärdende oder parteitaktisch widersprechende Politiker reagierte sie allergisch. Dann stellten sich die Nackenhaare ihrer Kurzhaarfrisur auf Attacke — und los ging's. „Eine Sache auf den Punkt bringen, Dinge deutlich aussprechen, nur so kann man diskutieren“, sagt Regina Poth. „Manche erschrecken, weil ich eine klare Sprache habe.“ Das verschafft Respekt, aber nicht nur Freunde.

In einem Interview mit der Fachzeitschrift „Ingenieur“ hat Regina Poth zum Thema „Beruf — Berufung“ einmal formuliert: „Ich habe den Beruf nicht nur aus Begeisterung für die Technik gewählt, sondern auch, um Männern zu zeigen, was eine Harke ist.“

Lieber Bauklötze als Puppen

Noch so ein Satz, der sie charakterisiert. Ihn zu verstehen, führt weit zurück. „Schon als Kind wollte ich Ingenieurin werden, kein Mensch weiß, warum“, erzählt sie. Die 1954 geborene Regina aus dem Eifeldörfchen Dahlem hantiert im Kindergarten mit Bauklötzen anstatt mit Puppen, werkelt mit dem Trix-Baukasten des Bruders pfiffiger als der und ärgert sich, dass nur Jungs Radfahren dürfen, „radfahrende Mädchen waren damals in der Eifel nicht üblich“.

Als einzige aus der Klasse geht sie aufs Gymnasium, gegenüber den Schulfreundinnen empfindet sie ihr Studium an der RWTH Aachen im Fach Bauingenieurwesen ab 1973 „als Privileg“. An der Uni mokiert sie sich über platte Sprüche von Professoren: „Na, haben das alle verstanden, auch die Damen?“

Zeigen, was eine Harke ist! Als sie merken, wer da vor ihnen sitzt, ändern die Sprücheklopfer ihre Meinung: „Guten Tag, Frau Poth! Guten Tag, meine Herren!“ heißt es fortan in Seminaren.

„Brunnen bauen in Afrika“ ist ihr Ziel, die Karriere gerät etwas anders: Examen und Diplom als Bauingenieurin 1980, technisches Referendariat Fachrichtung Straßenbauwesen beim Land NRW, Assessorin, bis 1989 bei den Kölner Verkehrsbetrieben Expertin für Gleisbau, für die KVB erstellt und prüft sie Straßenbahn-Projekte in drei türkischen Städten. Auch bei den KVB erfährt sie den Horror mancher Männer vor intelligenten Frauen. „Jeder Mann in der Position ist mir lieber als Sie!“ giftet ein Chef.

Höchste Zeit für den Abgang. Anfang 1990 fängt Regina Poth bei der Stadt Aachen an. Eine Aufgabe: Entwicklung neuer Bauweisen im Straßenbau. Längst ist die Baudirektorin Abteilungsleiterin für Straßenplanung und -bau und der Koordinierungsstelle Abwasser.

Zeigen, was eine Harke ist! Regina Poth absolviert nebenher zwei weitere Studien mit Diplom: Tropentechnologie an der Fachhochschule Köln, die Diplomarbeit schreibt sie auf einer zweimonatigen Südamerikareise; Nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit an der Uni Kaiserslautern. Sie referiert über Straßenbau auf Kongressen im In- und Ausland, arbeitet in europäischen Arbeitsgruppen mit, schreibt in Fachblättern und überregionalen Tages- und Wochenzeitungen, Altstädte wie Heidelberg suchen Rat ebenso wie das Deutsche Institut für Urbanistik, Industrie- und Handelskammern laden ein.

Zeigen, was eine Harke ist! Regi-na Poth unterbricht 2003 ihren Job in Aachen und geht im Auftrag des Deutschen Entwicklungsdienstes für drei Jahre ins afrikanische Ruanda, die beiden vier und zehn Jahre alten Kinder aus geschiedener Ehe mit sind von der Partie. In der Hauptstadt Kigali ist sie für die Stadtverwaltung tätig, verklickert massiven Straßenbau in afrikanischem Sand und hinterlässt ein „Handbuch der städtischen Infrastruktur“. Nach der afrikanischen Zeit beherrscht Regina Poth Kinyarwanda, die Sprache der Ruando — wie zuvor schon Italienisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Türkisch, Niederländisch und Eifeler Platt.

Als Aufbauhelferin nach Erdbeben schuftet sie im geliebten Italien. Wie kriegt einer das alles auf die Reihe? „Ich habe kein Fernsehen“, lacht Regina Poth und ernster: „Die Energie, die habe ich von meiner Mutter.“ Naheliegend, das Energiebündel als Hochschulprofessorin zu sehen, aber, siehe Klötzchen und Trix-Baukasten: „Ich bin Praktiker, ich brauche die Baustelle, den Geruch von Beton und Asphalt — alles andere wäre nicht mein Ding gewesen.“

Fahrradtour nach Spanien

So ein bisschen aber doch. In Seminaren an der Hochschule berichtet sie angehenden Bauingenieuren aus der Praxis. „Den Studenten erzähle ich meinen Werdegang. Ich animiere, in den Öffentlichen Dienst einzutreten, der braucht dynamische Leute, er ist der Platz, Wissen umzusetzen. ‚Da können sie etwas bewegen‘, sage ich denen.“ Sie ist Ausbilderin und Prüferin für Bau-Referendare am Oberprüfungsamt Bonn, ein Aufgabe für das Bundesverkehrsministerium.

Legt so jemand Knall auf Fall von einem Tag zum anderen die Hände in den Schoß? „Nee, da muss ein Paukenschlag kommen“, sagt Regina Poth, was sonst, und hat eine Fahrradtour ins spanische Santiago di Compostela fertig geplant. In der Stadt ist sie in allerlei Organisationen verwurzelt: Kirchenvorstand St. Franziska, Bachverein, Lektorin im Dom, ihre Stadtführungen will sie intensivieren. Der „große Traum“ wird nicht lange warten müssen: „Eine Reise rund um die Welt, ohne Flugzeug, nur per Bus und Bahn und Frachtschiff.“

Regina Poth ist „dankbar“, dass ihre Karriere verlaufen ist, wie sie ist. Dankbar ist sie aber auch den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen: „Ich hatte ein engagiertes Team um mich herum. Ich bin ja kein Einzelkämpfer.“

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