Der 5. August 1969: Frühstück im Knast, Füße auf dem Bend

Der 5. August 1969 : Frühstück im Knast, Füße auf dem Bend

Wenn am nächsten Freitag der Bend eröffnet wird, stellt sich den Besuchern das Problem „schwarzer Füße“ nicht. Ganz im Gegensatz zu den Menschen, die vor 50 Jahren an der Kühlwetterstraße dem Kirmestreiben frönen wollten.

Schwarze Füße und Bend, das war ganz offensichtlich eins – glaubt man der Berichterstattung in der Aachener Volkszeitung. Zurückgeblättert: Das stand am 5. August 1969 in der Tageszeitung.

„Wann kommt das Pflaster?“, fragte die AVZ im Rahmen ihrer Vorschau auf den Sommerbend 69. Während heutzutage, wie Bendbetreiber Eurogress anno 2019 anpreist, „hohe Bodenbelastbarkeit pro m²“ herrscht, war der Bend zur damaligen Zeit laut AVZ „weit und breit“ als „Kirmes der schwarzen Füße“ verschrien. Will heißen: Schotter und Asche, gepaart mit wahrscheinlich schlechtem Wetter, machten den Bummel zur schmutzigen Angelegenheit. Abhilfe könnte Pflaster schaffen, dessen Anschaffungskosten auf 300.000 Mark geschätzt werden. Zukunftsmusik im August 1969. Und eine Parallele – Stichwort Büchel, Adalbertstraße, Bushof und angrenzende Baustelle – zur heutigen Zeit. Die AVZ schreibt: „Wie weit ist die Zeitdifferenz zwischen Erwägung, Beschluss und Ausführung?“ Es ändert sich nicht viel ...

Eine besondere Schmonzette präsentieren die Aachener Nachrichten am 5. August 1969 auf ihrer 1. Lokalseite. „Häftling machte Witze beim Kirchgang“ ist der Artikel überschrieben. Mitten in der Wandlung soll der Bauhelfer und Elektriker Peter, der laut AN „seit 1948 eine umfangreiche Latte an Vorstrafen gesammelt“ hat, beim Anblick der Hostie gerufen haben: „Jetzt kommt das zweite Frühstück!“ Die Störung des Anstaltsgottesdienstes bringt Peter eine Geldstrafe von 80 Mark ein.

Keine „Schufterei“ in den Ferien

Was sollte die Aachener sonst noch an diesem Freitag im August zur Tageszeitungslektüre animieren? Berichtet wird über die Aktivitäten der Wassersportfreunde Aachen am Rursee und über die Mahnung von Ärzten und Pädagogen an die Adresse von „Oberschülern und Studenten“, dass ein Ferienjob „nicht in Schufterei“ ausarten dürfe. Außerdem beschwert sich ein Landwirt, der sich als „eifriger Abonnent Ihrer Zeitung“ bezeichnet, darüber,  dass die Zeitung über eine Heuernte mit Mähdrescher berichtet hatte. Die AVZ hat auf der 2. Lokalseite eine plausible Begründung für die Verwechslung von Heu und Getreide: „Auch in der Redaktion ist es heiß.“

Die 68er haben nicht viele Spuren hinterlassen im Sommer 1969. In den AN wird über die Rückkehr der „Gammler“ geschrieben. Junge Menschen mit längeren Haaren (aus damaliger Sicht) und flippigen Klamotten, die heute spießig wirken würden, seien „aus ihren Winterdomizilen“ nach Deutschland zurückgekehrt. Zeiten waren das, als Studenten noch Villen im Tessin besaßen. Heute kann man sich kaum ein Zimmer in der Pontstraße leisten. Apropos Zeitgeist. Lohnenswert ist auch die Lektüre eines AN-Artikels über ein Zeltlager der linksorientierten Jugendorganisation „Die Falken“ in Schweden. In dem Bericht wird von Befürchtungen berichtet, die 1700 sonnenhungrigen Berliner Kinder und Jugendlichen würden von „Vietkongs auf die revolutionäre Praxis vorbereitet, Alkohol und Rauschgift werde offen gehandelt und konsumiert und Gruppensex gehöre nicht nur zur Nacht, sondern auch zur Tagesordnung“.

Schlagzeilen des Tages am 5. August 1969: Die „Gammler“ kehrten zurück nach Deutschland. Foto: ZVA/Gombert, Sarah-Lena

Werfen wir noch einen Blick in den Anzeigenteil von AVZ und AN: Ein drei Jahre alter Karmann Ghia – heute ein gesuchter Oldtimer – ist für 4500 Mark zu haben, dass offensichtlich auch tagsüber gerne Bier verklappt wird, legt die Anzeige nahe, dass eine „Tagesbiergaststätte (8-20 Uhr)“ auf Provisionsbasis abzugeben ist. Philipp Leisten, dieses Unikum des Öcher Einzelhandels an der Ecke Adalbert-/Harscamstraße (heute Eingang Aquis Plaza), sucht eine „saubere Putzhilfe“. Die Formulierung legt nahe, dass es auch das Gegenteil gegeben haben muss...

Der Immobilienmarkt bot auch vor 50 Jahren seine Besonderheiten. Ein Makler preist eine Wohnung an: Zwei Zimmer, Küche, Diele, Bad, Balkon, Teppichböden, 60 Quadratmeter. Zu vermieten an ein Ehepaar – oder drei (!) Erwachsene!

Dass früher auch nicht alles besser war, beweist ein Blick in die Region. Gefährlicher Sommer 1969: „Straßenraub am hellichten Tag“ (in Monschau); „Würger wurde schnell gefasst“ (in Stolberg) oder „30 Messerstiche beigebracht“ (in Eschweiler). Dagegen ist die gestohlene Handtasche im Aachener Elisengarten fast schon eine Petitesse.

Und zum Schluss ein Bogen über 50 Jahre oder: Die Kehrseite des sogenannten Brexits! Die Aachener Nachrichten titeln am 5. August 1969 auf der Wirtschaftsseite: „London muss EWG-Beitritt erkaufen.“ Die spinnen, die Briten, hätte Asterix angesichts des Dilemmas gesagt – jetzt können die Insulaner die EU nicht schnell genug verlassen...

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