Fridays for Future lockt in Aachen am Zeugnistag nur wenig Schüler an

Fridays for Future : „Es geht um unsere Zukunft“

Seit Mitte Dezember lockt die Jugendbewegung „Fridays for Future“ auch in Aachen Schüler und Studenten auf die Straße. Am Freitag fiel die Resonanz zwar geringer aus. Doch die jungen Menschen wollen weitermachen.

Eigentlich wäre dieser Vormittag für Rosa Münz streng getaktet gewesen. Sie säße jetzt im Deutschunterricht. Danach wäre Mathematik an der Reihe, gefolgt von Geschichte. „Alles Abiturfächer“, wie die 18-Jährige sagt. Doch statt im Klassenzimmer über Büchern und Heften zu brüten, sitzt sie am Aachener Elisenbrunnen auf einer Isomatte auf dem Boden und stellt mit einer Buttonmaschine grüne Ansteckplaketten her.

Schließlich ist Freitag. Und am Freitag gibt der Stundenplan längst nicht mehr für alle Schüler in Aachen den Takt vor. Ihre Aufmerksamkeit ist an diesem Tag nicht auf die nächste Klassenarbeit und das Zeugnis gerichtet. Ihnen geht es nach eigenen Angaben um etwas viel Globaleres: die eigene Zukunft und die Zukunft des Planeten. Und um diese zu sichern, sei es manchmal eben sinnvoller, grüne Buttons mit der Aufschrift „Fridays for Future“ – Freitage für die Zukunft – anzufertigen statt Formeln zu lernen.

Seit Mitte Dezember lockt die Jugendbewegung, die von der 16-jährigen Greta Thunberg mit ihrem Schulstreik in Stockholm ins Rollen gebracht wurde, auch in Aachen Schüler und Studenten auf die Straße. Jeden ersten und dritten Freitag finden Demonstrationen statt. Vergangene Woche waren es mehrere Hundert. Am diesem Freitag fällt die Resonanz deutlich geringer aus. Rund 30 Schüler und Studenten haben sich am Elisenbrunnen versammelt und halten Transparente in die Höhe. „System change not climate change“ („Systemwandel statt Klimawandel“), „Kumpel nicht in der Grube lassen“ und „Mutti empfiehlt: Bildungsstreik fürs Klima“ ist darauf zu lesen.

Buttons für die Umwelt: Die Schülerinnen Rosa Münz (links) und Lotta Pabel waren am Freitag auch handwerklich aktiv. Foto: ZVA/Harald Krömer

Der überschaubare Rahmen der Streik-Teilnehmer beunruhigt das Organisationsteam nicht. „Wir haben die Demos ganz bewusst auf zwei Tage im Monat reduziert, wollen an den anderen Tagen aber trotzdem eine Anlaufstelle bieten“, sagt Samuel Krämer, mit 28 Jahren der älteste im Orga-Team. Deshalb ist die Schüler- und Studentengruppe an diesem Tag auch offiziell „nur“ als Versammlung angemeldet. Nächste Woche, wenn es wieder skandierend durch die Innenstadt geht, werden sicherlich wieder mehr Schulbestreiker dabei sein, so die Überzeugung

Dass die Schüler mit ihrem Streik während der Unterrichtszeit auch anecken, ist ihnen durchaus bewusst. Kritische Kommentare kämen schon, sagt Rosa Münz. Sie seien häufig verbunden mit dem Hinweis, dass man doch auch am Nachmittag für den Klimaschutz auf die Straße gehen könne. „Ich kann verstehen, dass man darüber diskutieren will. Doch wir schwänzen nicht, wir streiken“, stellt sie fest.

Das sehen indes nicht alle so. „Die wollen nur freimachen“, kommentiert am Freitag eine Facebook-Nutzerin unter einem Foto von der Versammlung in Aachen, und löst damit prompt eine Pro-Contra-Diskussion im Sozialen Netzwerk aus. Das Thema polarisiert. Das weiß auch Lotta Pabel. Doch die 19-Jährige, die dieses Jahr ihr Abitur an der Freien Waldorfschule macht, betont: „Wir würden niemals so viel Aufmerksamkeit haben, wenn wir nach dem Unterricht demonstrieren würden.“ Als „digital natives“, als Menschen, die mit einer ständig zugänglichen Online-Welt, Smartphones, Facebook und Instagram aufwachsen, wissen sie, wie wichtig die öffentliche Wahrnehmung ist. Und wie sie hergestellt wird.

Deshalb steht auch Jimera an diesem Vormittag vorm Elisenbrunnen, ein bunt bemaltes Leinentuch in der Hand. Mit 14 Jahren ist sie das jüngste Mitglied des etwa 20-köpfigen Organisationsteams von „Fridays for Future Aachen“. „Das ist meine Zukunft und die Zukunft meines jüngeren Bruders, um die es geht“, sagt die Schülerin der Viktoriaschule. „Es ist wichtig, dass wir unsere Meinung sagen.“ Und dafür riskiert sie auch gerne, dass ihre Streikbeteiligung als unentschuldigte Fehlstunde am Ende des Jahres auf dem Zeugnis steht – auch wenn das an diesem Freitag nicht der Fall ist, weil der Unterricht wegen der Vergabe der Halbjahrszeugnisse schon früher als sonst beendet wurde. Dass sie sich für Fridays for Future engagiert und deshalb auch den Unterricht bestreikt, wissen ihre Eltern. „Anfangs waren sie skeptisch, aber jetzt finden sie es denke ich schon gut, dass ich hier bin. Auch, wenn sie damit handern, dass ich dafür meine Schulpflicht missachte“, sagt sie.

Das Schulministerium hat die Verantwortung für den Umgang mit „Fridays for Future“ in die Hände der Schulen gelegt. Jimenas Schulleiter, Axel Schneider, sieht das Engagement der Jungen und Mädchen zwiegespalten. „Ich finde es prima, wenn sich Schüler engagieren.“ Allerdings gebe es unter den Aachener Schulleitern eine klare Absprache: Während des Unterrichts zu demonstrieren, ist eine Dienstpflichtverletzung und müsse als solche als unentschuldigte Fehlstunde eingetragen werden. „Wir stellen die Kinder nicht frei.“ Auch Ralf Gablik, Leiter des Einhard-Gymnasiums, sagt: „Das Anliegen der Kinder ist etwas Tolles. Und es gehört zur politischen Bildung und zum Erwachsenwerden, sich um Umweltthemen und um Politik zu kümmern.“ Allerdings verpassten gerade Oberstufenschüler an den Freitagen wichtige Leistungskurse. Aufgrund des eng getakteten Stundenplans gebe es auch keine Möglichkeit, den Unterricht zu verlegen. Somit riskieren auch seine Schüler einen entsprechenden Eintrag im Zeugnis, wenn sie freitags in den Streit treten.

Etwas anders sieht das an der Freien Waldorfschule aus. Dort habe man sich in der Schulkonferenz darauf verständigt, die Jungen und Mädchen zwar als fehlend ins Klassenbuch einzutragen. Auf dem Zeugnis werde dies jedoch nicht als unentschuldige Fehlstunde vermerkt, teilt Antonia Pekin, Mitglied des vierköpfigen Schulleitungsteams auf Anfrage mit.

Ob unentschuldigt oder nicht: Für Lotta Pabel geht es vor allem um Prioritäten: „Was bringt es mir, wenn ich ein super Abitur habe? Wir haben schließlich nur einen Planeten.“ Für den müsse dann halt mal Deutsch ausfallen. Oder Mathematik. Oder Geschichte.

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