Aachen: Freude bei Eltern, Sorgen bei Tagesmüttern

Aachen: Freude bei Eltern, Sorgen bei Tagesmüttern

Viele Eltern haben Grund zu jubeln. Ab August wird auch in Aachen die Kinderbetreuung bei Tagesmüttern über eine Satzung geregelt. Die neuen einkommensabhängigen Elternbeiträge liegen zwar rund zehn Prozent über dem Betrag, der für einen Kindergartenplatz zu zahlen ist.

Dennoch kommen die Eltern bei der Tagespflege künftig sehr viel günstiger weg. Denn bisher mussten sie den Einsatz einer Tagesmutter in den allermeisten Fällen in voller Höhe selbst bezahlen.

Bei den Tagesmüttern dagegen herrscht keineswegs nur Begeisterung über die neue Satzung. Für sie geht die Rechnung nämlich nicht unbedingt auf. Anna-Maria Pastoors ist so ein Fall. Die 56-Jährige arbeitet seit 14 Jahren als Tagesmutter. Sie sagt: „Das Ganze ist eine Mogelpackung. Durch die Satzung werde ich weniger verdienen als bisher.”

Wer heute eine Tagesmutter für sein Kind engagiert, der zahlt in der Regel 5 bis 5,50 Euro pro Stunde für deren Einsatz. Die neue Satzung für die Kindertagespflege teilt den Betreuungsumfang in sechs Staffelungen ein - Mindestumfang 65 bis 90 Stunden im Monat, maximal 176 bis 195 Stunden im Monat.

Und je nach Zahl der geleisteten Betreuungsstunden in solch einem Staffelschritt kommt für die Tagesmutter ein Betrag von 4,20 Euro pro Stunde und Kind heraus. Das ist deutlich weniger, als der freie Markt hergibt.

156 Euro weniger im Monat

Ein Beispiel: Eltern mit einem Einkommen von 50 000 Euro im Jahr, die für 195 Stunden im Monat eine Tagesmutter buchen, zahlen dafür ab August einen monatlichen Beitrag von 229 Euro an die Stadt. Die Tagesmutter wiederum erhält für das Kind, das sie 195 Stunden versorgt, 819 Euro im Monat von der Stadt. Darin enthalten sind hälftige Beiträge zur Sozialversicherung.

Eine Tagesmutter, die pro Stunde und Kind 5 Euro verlangt, würde derzeit aber 975 Euro von den Eltern erhalten. Wo Mütter und Väter also ab August in der Regel massiv entlastet werden, kann es sein, dass die Tagesmutter weniger im Portemonnaie hat. Im Beispielfall macht die Differenz immerhin 156 Euro im Monat aus.

Tagespflegepersonen, die nicht bereit sind, für die gleiche Leistung künftig schlechter entlohnt zu werden, denken nun darüber nach, ob sie ab August von den Eltern einen Zuschlag verlangen. Die neue Satzung schließt solche Zuschläge nicht ausdrücklich aus. Die betroffenen Eltern würden dann zwar mehr zahlen, als die Satzung vorsieht, allerdings immer noch weniger als derzeit unter den Bedingungen des freien Markts.

Anna-Maria Pastoors betreut aktuell sieben Kleinkinder. Sie hat lange hin- und hergerechnet und ihren Eltern schließlich mitgeteilt, dass sie ab August eine Zuzahlung fordern muss. Eine andere Tagesmutter, die lieber anonym bleiben möchte, sagt ebenfalls, dass es ohne Zuzahlung wohl nicht gehen werde. Den Eltern muss sie das allerdings noch sagen.

Das neue Regelwerk wirft offenbar viele Fragen auf. Die Informationen, auch auf der Internetseite der Stadt, sind spärlich. „Was kommt da an Erstanträgen auf uns zu?” fragt sich zum Beispiel Anna-Maria Pastoors. „Müssen wir Formulare ausfüllen? Anwesenheitslisten führen?” Auch ihre Kollegin wüsste gerne Genaueres: „Kein Mensch hat die Tagesmütter informiert. Viele wissen noch gar nicht, was auf sie zukommt.”

Die Familiäre Tagesbetreuung, Fachberatungs- und Fachvermittlungsstelle für Kindertagespflege in der Stadt Aachen, erhält derzeit zahlreiche Anfragen - von Tagesmüttern, aber auch von Eltern. „Viele wollen wissen, wie die neue Regelung im Detail aussieht”, berichtet Geschäftsführerin Bettina Konrath. Sie verweist die Fragesteller ans städtische Jugendamt.

Grundsätzlich begrüßt Konrath die Neuregelung ab August. „Die Tagespflege ist nun in einer Satzung verankert, die Elternbeiträge und Geldleistung regelt. Auch die Rückmeldungen von Eltern und Tagesmüttern sind grundsätzlich positiv.” Die Gleichrangigkeit von Kindertagespflege und Kita-Betreuung, die der Gesetzgeber ausdrücklich betont, sei durch die neue Satzung zumindest im Ansatz gewährleistet. Die Umsetzung im Detail werde zeigen, wo eventuell Veränderungsbedarf bestehe.

Für die Stadt Aachen geht die Entlastung der Eltern bei der Tagespflege ins Geld. Die Verwaltung kalkuliert mit zusätzlichen Kosten von mindestens 1,6 Millionen Euro im Jahr. Die Gründe liegen vor allem in Düsseldorf. Nach dem Kinderbildungsgesetz (Kibiz) in NRW unterstützt das Land aktuell die Betreuung bei einer Tagesmutter mit 736 Euro im Jahr.

Ab August werden es 747 Euro sein. In einen Kita-Platz fließt dagegen deutlich mehr Geld. Eltern, die die Vorteile der neuen Satzung ab 1. August nutzen möchten, müssen bis spätestens 1. Juli einen Antrag bei der Stadt stellen.

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