Aachen: Freiräume für Eltern und Kinder schaffen

Aachen: Freiräume für Eltern und Kinder schaffen

Wenn Eltern nach Aachen ziehen, dann ist nicht nur das Jobangebot entscheidend. Wichtiger ist häufig, ob sich in dieser Stadt Familie und Beruf einigermaßen unter einen Hut bringen lassen. In Zeiten des wachsenden Fachkräftemangels ist diese Erkenntnis längst bei Unternehmen und Kommunen angekommen.

„Wettbewerb funktioniert über Familienfreundlichkeit“, stellt Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp fest. „Städte, die diese Herausforderung ernstnehmen, profitieren.“ Philipp ist einer von 40 Bürgermeistern deutscher Großstädte, die mit Hilfe der Initiative „Neue Zeiten für Familie“ bessere Rahmenbedingungen für Familien schaffen wollen.

Am Dienstag stellte Philipp Aspekte einer „kommunalen Familienzeitpolitik“ beim Demografiegipfel mit der Bundeskanzlerin in Berlin vor, am Mittwoch erläuterte er das Projekt gemeinsam mit etliche Akteuren vor Ort in Aachen.

Mit manchen Problemen müssen sich alle berufstätigen Eltern irgendwann herumschlagen. Zum Beispiel, dass die Schulkinder immer viel länger Ferien haben als die Eltern Urlaub. Andere Probleme sind je nach Arbeitsplatz und Arbeitszeiten der Eltern sehr individuell. Und manche Sorgen tauchen ganz plötzlich auf: wenn etwa ein Kind krank wird oder für die alten Eltern kurzfristig Pflege organisiert werden muss. „Für all diese individuellen Probleme brauchen wir individuelle Antworten“, sagt der OB, „und diese Angebote müssen wir vor allem stärker bekannt machen“.

Ansprechpartner und Hilfe

Der Aachener Familienservice, ein Gemeinschaftsprojekt des städtischen Fachbereichs Wirtschaftsförderung und des regionalen Caritasverbands, macht seit 2008 solche Angebote. Der Familienservice ist Koordinierungsstelle und Ansprechpartner für Aachener Unternehmen. „Wir kümmern uns um alle Fragen, die irgendwie mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu tun haben“, erklärt Projektleiterin Nicole Kuhn.

Für die Beschäftigten der beteiligten Firmen gibt es eine Service-Nummer, die jeden Tag besetzt ist, und Ansprechpartner, die schnell helfen — oder wissen, wer helfen kann. Simone Holzapfel vom Caritas-Unternehmensservice ist überzeugt, dass beide Seiten gewinnen: „Wenn der Mitarbeiter entlastet wird, profitiert auch das Unternehmen.“

„Neue Zeiten für Familie“ kann auch zusätzliche Betreuung bedeuten. Das gemeinnützige Dienstleistungs- und Qualifizierungsunternehmens Picco Bella zum Beispiel organisiert Kinderbetreuung in Rand- und Notzeiten.

„Im Rahmen unserer familienunterstützenden Dienstleistungen kommen qualifizierte Tagesmütter zu den Familien ins Haus“, erläutert Geschäftsführerin Christiane Feldmann. „So müssen Kinder zum Beispiel morgens nicht so früh aus dem Haus, wenn die Eltern zur Arbeit gehen. Das ist eine große Qualität für Familien.“

15 Unternehmen aus der Städteregion nutzen derzeit den Aachener Familienservice, zwölf davon sind in Aachen zu Hause. Einer dieser Kunden ist die Sparkasse Aachen, ein Unternehmen mit immerhin rund 2000 Mitarbeitern. „Wir arbeiten seit 2010 mit dem Familienservice zusammen“, erläutert Markus Breuer, Direktor des Zentralbereichs Personal bei der Sparkasse. „Und es ist ein Erfolg und ein Gewinn für uns und für unsere Mitarbeiter.“

Wie im Hamsterrad

Zeitmangel sei heute einer der größten Stressfaktoren für Familien, sagt Jugendamtschefin Elke Münich. „Eltern fühlen sich oft wie in einem Hamsterrad und sind froh sind um jede freie Minute. Hier müssen wir Entlastung schaffen.“ Aktuell denkt man bei der Stadt auch über die Einführung eines Dienstleistungsabends nach, damit Eltern nach Feierabend Behördengänge erledigen können.

In Deutschland gibt es 80 Großstädte mit mehr als 100.000 Einwohnern. An der Initiative „Neue Zeiten für Familie“ wirken bereits 40 von ihnen mit. „Da haben wir wirklich einen Nerv getroffen“, freut sich Marcel Phi­lipp, der das Projekt gemeinsam mit der bundesweiten Initiative „Lokale Bündnisse für Familie“ initiiert hat. Jetzt gehe es darum, gute Praxisbeispiele bekannt zu machen, damit auch andere davon profitieren. „Und wir brauchen Partner, um die Familien zu entlasten.“

Von Bund und Land wünscht sich der Oberbürgermeister allerdings „ein bisschen mehr Freiheit“. Gerade beim Kraftakt U3-Ausbau wäre es hilfreich, wenn man manche Bestimmungen etwas flexibler handhaben könnte, sagt Phi­lipp.

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