Aachen: Fluch und Segen der digitalen Datensammlung

Aachen : Fluch und Segen der digitalen Datensammlung

Die Welt der digitalen Daten ist manchmal etwas unheimlich. Oft wirken sie im Verborgenen und es bleibt unklar, ob sie den Menschen eher nützen oder zu einer Gefahr werden. Wichtig sind dabei aber das Bewusstsein und die Auseinandersetzung mit den Chancen und Risiken dieser Daten — und die Bereitschaft der Bürger, diese von sich preiszugeben.

Das Projekt „Assessing Big Data“ (Abida) versucht, dazu in Bürgerkonferenzen ein Stimmungsbild zu erhalten. Die erste dieser Veranstaltungen fand nun am Samstag in Aachen statt.

Ein häufiges Missverständnis, wenn es um den Begriff „Big Data“ geht, räumte Reinhard Heil vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) gleich zu Beginn aus dem Weg. Dabei gehe es nämlich nicht um das bloße Sammeln von Daten, sondern um deren Verknüpfung und die Schlüsse, die man daraus ziehen könne. „Es gibt viele Möglichkeiten, wie uns das den Alltag erleichtern kann, aber wir müssen darauf achten, dass mit diesen Daten verantwortungsvoll umgegangen wird“, betonte er in seinem Vortrag.

Dabei merkt der Einzelne im Zweifel überhaupt nicht, wann und wo seine Daten überall erfasst werden. „Dass etwa Gesundheitsdaten geschützt sind, schützt nicht davor, dass aus anderen Daten Rückschlüsse auf die Gesundheit gezogen werden“, so Projektkoordinator Heil. Wenn jemand beispielsweise häufig ungesunde Lebensmittel einkaufe und sich wenig bewege, ließe das persönliche Verhalten auch auf die Gesundheit des Betroffenen schließen. Erst die Kombination der Informationen ist der Schlüssel zu Türen, die man eigentlich für verschlossen halten könnte.

Es gibt aber auch Beispiele, wo „Big Data“ schon jetzt gute Dienste leistet. In der Landwirtschaft etwa wird damit Überdüngung verhindert und medizinische Zentren greifen bei der Behandlung von Tumoren auf komplexe Datenkombinationen aus Tausenden Fällen zurück. Und noch tendierten offenbar viele Menschen dazu, Informationen von sich preiszugeben, wenn sie dadurch mehr Komfort im Alltag bekämen, wie Anika Hügle, wissenschaftliche Mitarbeiterin des KIT, sagte.

Ethische Aspekte

Das 2015 gestartete „Abida“-Projekt will genau zu solchen Fragen ein möglichst umfassendes Bild erzeugen. Dazu werden im Zeitraum von vier Jahren zahlreiche Experten befragt, die Berichterstattung in den Medien verfolgt und eben Bürgerkonferenzen in unterschiedlichen Städten veranstaltet. Mit der Förderung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung und der Mitarbeit mehrerer Universitäten sollen so Erkenntnisse über die Möglichkeiten und Risiken von „Big Data“ in der Zukunft gewonnen werden.

Auch ethische und demokratietheoretische Aspekte werden bei diesem Projekt berücksichtigt, wenn es etwa um die Verbreitung personalisierter Wahlkampfbotschaften geht, wie das derzeit bei den Vorwahlen in den USA in großem Ausmaß getestet wird.

Was dabei herauskommt, ist dabei noch einigermaßen offen. Gewiss ist nur, dass die Erkenntnisse wichtig sein werden. Schon jetzt sehen sich Kunden etwa im Online-Handel mit Verhaltenssteuerung konfrontiert, indem ihnen gezielt Werbung angezeigt wird, die aufgrund ihrer vorherigen Käufe interessant sein könnten.

Anreizsysteme

Oder Versicherungen arbeiten mit Anreizsystemen, indem ihre Kunden ihre Körperaktivität messen lassen. „Da muss man schon über mögliche staatliche Beschränkungen nachdenken und über die Risiken, die diese Technologien mit sich bringen“, mahnte KIT-Projektkoordinator Carsten Orwat. „Es kann aber auch sein, dass wir von den Bürgern erfahren, dass die Preisgabe der Daten für sie in Ordnung ist, wenn sie dafür ein Mehr an Komfort erfahren.“

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