Aachen: Fledermäuse fühlen sich in Aachen wohl, doch ihre Population sinkt

Aachen: Fledermäuse fühlen sich in Aachen wohl, doch ihre Population sinkt

Wenn sich des nachts ein kleines Wesen aufgeregt flatternd seinen Weg vorbei an Passanten und Bäumen sucht, dann wird das in aller Regel kein Vogel sein. Vielleicht aber ein Braunes Langohr oder — mit etwas Glück — ein Abendsegler. Denn nachts bricht die Zeit der Fledermäuse an. Dann kommen sie raus aus ihren Verstecken und schwärmen aus, um die Nacht zum Tage zu machen.

Seit mehr als 50 Millionen Jahren bevölkern Fledermäuse die Erde. „Und sie haben sich seither kaum verändert“, sagt Herbert Fleu, Fledermausexperte und Gründungsmitglied beim Naturschutzbund (Nabu), Stadtverband Aachen. Er kennt sie gut, die kleinen Säugetiere, die fälschlicherweise das Wort Maus im Namen stehen haben. „Dabei haben sie mit Mäusen nichts zu tun“, sagt Fleu weiter. Vielmehr seien sie als Beutegreifer mit Igeln und Mardern verwandt. „Der richtige Name wäre eigentlich Handflügler.“ Denn die „Flügel“ sind die Hände der Fledermäuse. „Sie sind wie unsere Hände aufgebaut, haben beispielsweise auch einen Daumen. Fledermäuse fliegen also mit den Händen“, sagt der Experte.

FOTO: HARALD KRÖMER DATE 30.07.2018 Fledermaus, NABU, Blumenmischung

Und diese sind auch besonders empfindlich. Reißt die dünne Haut, dann hat die Fledermaus in der Regel kaum eine Überlebenschance. Doch zum Glück haben sie sehr wenig natürliche Fressfeinde in Aachen. So können sich die heimischen Arten wie beispielsweise die Breitflügelfledermaus, das Braune Langohr oder auch die Zwergfledermaus ganz in Ruhe in der Stadt und in deren Umfeld austoben.

Herbert Fleu vom Nabu-Stadtverband Aachen ist Experte für Fledermäuse. Er wird immer dann gerufen, wenn sich Fledermäuse in Wohnungen verirrt haben. Aber er weiß auch, wie man die nachtaktiven Tiere unterstützen kann — nämlich mit speziellen Wildblumensaaten (oben links), die wiederum Nahrung anlocken, oder einem Fledermauskasten (rechts). Foto: Harald Krömer, imago/blickwinkel

Hin und wieder tun sie das auch an sehr ungewöhnlichen Orten, weiß Fleu zu berichten. „Vor etwa 25 Jahren haben wir im Spätsommer rund 180 Tiere aus dem Domkapitel geholt. Dort hatte jemand ein Bürofenster übers Wochenende gekippt gelassen. Und Fledermäuse fliegen gerne in gekippte oder offene Fenster“, sagt er. In der Regel seien die größeren Gruppen Weibchen mit ihrem Nachwuchs. „Wochenstuben“ werden diese Grüppchen genannt.

Die Männchen seien dort nicht geduldet, verrät Fleu, und eher allein anzutreffen. Da die Gruppe im Domkapitel nicht allein wieder durch das gekippte Fenster herausfand, wurde der Nabu informiert. „An der Wand stand eine alte Kirchenbank. Dahinter hingen die Fledermäuse an der Sackleine“, berichtet Fleu. Doch in der Nähe befand sich das klimatisierte Archiv. Auch dorthin hatte es einige Tiere verschlagen. „90 Tiere konnten wir lebend retten, 90 waren leider schon tot“, sagt Fleu. Denn Fledermäuse könnten zwar einige Tage ohne Nahrung auskommen, nicht aber ohne Wasser.

Fledermäuse sind recht harmlos

Etwas glimpflicher ist es da ausgegangen, als in Aachen einmal etwa 50 Tiere in ein Schlafzimmer geflogen waren. „Die haben irgendwann wieder alleine durch das offene Fenster rausgefunden“, sagt der Fledermausexperte. In einem anderen Fall rückte Fleu an, da die Tiere eben nicht wieder aus dem Schlafzimmer herausgefunden hatten. „Dort wohnte eine junge Frau, die Angst vor den Fledermäusen hatte. Als sie mir dann aber dabei zusah, wie ich die Tiere packte und nach draußen brachte, verlor sie ihre Angst und half mir sogar. Man muss Fledermäuse von hinten packen, damit sie nicht beißen können“, sagt Fleu. Ansonsten seien sie recht harmlos. Da aber immer noch die Gefahr bestehe, dass einige die Tollwut übertragen, sei höchste Vorsicht geboten.

Während die Weibchen also oft in Gruppen in Schlafzimmer fliegen, machen es sich die Männchen gerne unter Dächern bequem. „Ich schätze, dass in jedem zweiten bis dritten Haus in Aachen ein Männchen unter dem Dach sitzt“, sagt Fleu.

Besonders interessiert sind Fledermäuse an Schlafplätzen in der Nähe von wilden Gärten, wo sich viele einheimische Insekten tummeln. Daher bietet der Nabu spezielle Wildblumensaaten an, um die einheimische Natur zu unterstützen. „Sie fressen auch gerne Mücken“, sagt Fleu. Daher sei es gar nicht so schlecht, eine Fledermaus in der Nähe des Schlafzimmers zu wissen.

Oft genügt eine kleine Spalte im Dach oder ein nicht allzu perfekt abgedichtetes Haus, damit sie einen Unterschlupf finden. „Wer möchte, kann aber auch einen Fledermausnistkasten bauen. Dazu gibt es viele Anleitungen im Internet und beim Nabu. Allerdings sollte man nicht damit rechnen, dass sofort jemand einzieht“, so Fleu weiter. Das könne viele Jahre dauern. „Fledermäuse behalten ihre Nistplätze oft sehr lange. Nur wenn ein Baum mal gefällt oder ein Haus saniert wird, suchen sie sich etwas Neues. Sie haben außerdem ein Ausweichquartier in der Hinterhand. Fledermäuse denken immer an das Schlimmste und haben einen Plan B.“ Und da laut Fleu eben immer mehr Bäume gefällt würden und neue Häuser energetisch und perfekt abgedichtet gebaut, verlieren die Tiere ihre Heimat.

Wie viele Fledermäuse insgesamt in Aachen leben, das kann Fleu nicht sagen. Aber die Population habe insgesamt in den vergangenen Jahren stark abgenommen.

„In die Wolle gekriegt“

Am häufigsten komme in Aachen die Zwergfledermaus vor, dicht gefolgt von der Wasserfledermaus, deren Population allerdings auch sinke. Sie lebt vor allem in der Nähe des Hangeweihers, in alten Bäumen, wo Fleu auch Nachtwanderungen zum Thema Fledermaus anbietet. „Die Tiere nehmen die Nahrung von der Wasseroberfläche auf. Am Hangeweiher kann man das gut sehen.“ Baumbewohnende Arten wie die Wasserfledermaus suchen sich dort in der Nähe Bäume mit Spalten oder alte Spechthöhlen sowie Hohlräume in Ästen. Diese mögen auch die Breitflügelfledermäuse ziemlich gern. Das Braune Langohr hingegen bevorzugt Kirchtürme.

Insgesamt wurden elf Arten in Aachen nachgewiesen. „Teilweise kommen sie auch als Wintergäste oder wie die Abendsegler während der Zugzeit“, sagt Fleu. In Gesamt-Mitteleuropa seien es etwa 27 Arten.

Neulich haben Fleu und sein Team eine Kolonie auf dem Lousberg entdeckt. Die ist aufgrund der lautstarken Zankerei aufgefallen. „Die Fledermäuse haben sich abends in die Wolle gekriegt“, sagt Fleu. Das komme immer mal wieder vor. „Es gibt oft Streitereien, wenn die Fledermäuse ausschwärmen. Wer hinten sitzt und zuerst raus will, klettert dann über alle anderen nach vorne. Dann gibt es Zoff“, sagt Fleu. Die Tiere stoßen sogenannte Sozialrufe aus. Und die können ganz schön laut sein. Aber ein bisschen Stress gibt es ja in jeder guten Familie mal.

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