Aachen: Farbenfrohe Skelette spuken im Eibenwäldchen

Aachen: Farbenfrohe Skelette spuken im Eibenwäldchen

Bremsen quietschen. Der Wagen rollt zurück. Was ist das? Ein Zirkuspferd, das sich vor hundert Jahren verlaufen hat? Nein, nette „Rossgeister” sind es, zumindest im Sonnenschein.

Da schimmern bunte Perlen im Geäst des Eibenwäldchens auf dem Lousberg hinter dem Drehturm Belvedere, lila und pinkfarbene Blüten hängen im Himmel, zwischendurch blitzen Autoscheinwerfer auf und blanke Knochen.

Blanke Knochen? „Ja, das irritiert manche Leute”, hat Jörg Lenzlinger bemerkt. Der Künstler dekoriert zusammen mit seiner Partnerin Gerda Steiner seit vier Wochen die Bäume auf Aachens Hausberg und hat häufig erlebt, dass Autofahrer beim Anblick eines Pferdeschädels plötzlich in die Eisen steigen.

Zwei solcher Bremspunkte hat das Schweizer Künstlerpaar an der Allee installiert, der dritte Totenkopf hängt etwas tiefer drinnen im Wäldchen und könnte eher Jogger aus ihrem Tap-und-Schnauf-Rhythmus reißen.

Schwebendes Hürdenbett

Und schon sind sie mittendrin in einer Kunstinstallation des Euregionale-Projekts Pferdelandpark. „Rossgeister vom Lousberg” nennen Steiner und Lenzlinger ihr Stillleben, das in sieben Metern Höhe schwebt. Es sind tatsächlich echte Pferdeknochen. Alexander hat es gleich gesehen. Der elfjährige Minibiologe wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass es sich um die Knochen von Giraffen oder gar Dinosauriern handeln könnte. Das waren die Tipps andere Spaziergänger, die stolpernd durch das Eibenwäldchen wanderten, weil sie den Kopf so weit in den Nacken geworfen haben.

Dabei lässt sich die Kunst auch bequemer im Liegen genießen. Dafür hat das Künstlerpaar hat ein schwingendes „Hürdenbett” installiert. Es ist aus eben jenen Hölzern gezimmert, die Pferde im Turnier überspringen, und hängt genau in der Mitte, wo sich die drei Schwanzspitzen der verlängerten Pferdeskelette treffen.

Alexander und sein Bruder Jan-Marco Moritz (16) haben es gleich ausprobiert, sind ein bisschen hin- und hergeschaukelt und haben den Himmel betrachtet. Er hängt voller Blumen, Federgeistern und Pferdehaaren. „So richtig bequem ist es nicht”, sagt Alexander, der mit Bruder und Papa zu Besuch aus der Schwäbischen Alp in Aachen ist. Am Donnerstag haben sie auch schon hier gebremst. Heute wollten sie sich das kuriose Gebilde noch mal genau anschauen.

Sie sind die ersten Rossgeister-Touristen. Steiner und Lenzlinger hoffen, dass noch mehr wie sie kommen - und eigene Geschichten erfinden.

Zu den Autoscheinwerfern zum Beispiel. Was haben die denn mit Rössern und Geistern zu tun? „Pferdestärken”, hilft Jörg Lenzlinger nach. PS vor der Kutsche und unter der Haube würden schließlich auch als Symbol von Freiheit betrachtet.

Erklären könnten die beiden Künstler eine Menge. Etwa über Pferde und Germanen, Eiben und Tod, den Lousberg und seine Geschichten. „Es gibt so viele Legenden rund um diesen Berg”, weiß Gerda Steiner, „hier beruht ja alles auf Geschichten.”

Die Rossgeister sollen nun eine weitere hinzufügen. „Wir haben nur den Anfang gemacht”, sagt Gerda Steiner, jetzt sollen die Aachener und ihre Besucher weiter fabulieren. Dafür haben sie ein Jahr lang Zeit - genau genommen ab Sonntag. Dann ist das letzte Glanzlicht gesetzt, die Kunstinstallation komplett - und das wird ab 15 Uhr mit Kaltgetränken und einem „fantasievollen Imbiss” gefeiert. Die Künstler sind dann fertig, danach arbeiten die Jahreszeiten weiter an den Rossgeistern.

Im Herbst oder Winter wirken sie vielleicht nicht mehr so nett. Wenn Autofahrer dann abrupt bremsen, fabulieren sie vielleicht eher Düsteres.

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