Aachen: Europa ist die erste europäische Migrantin

Aachen : Europa ist die erste europäische Migrantin

Latein ist alles andere als eine tote Sprache, das hat die Klasse 7d des Bischöflichen Pius-Gymnasiums jetzt eindrucksvoll unter Beweis gestellt: Mit einem pfiffigen zehnminütigen Filmbeitrag haben die Schülerinnen und Schüler den zweiten Platz im NRW-Entscheid des Bundeswettbewerbs Fremdsprachen in der Kategorie Latein geholt.

Für ihren Film „Quo vadis, Europa?“ wurden sie in Münster nun groß ausgezeichnet. „Seit September haben wir an dem Beitrag gearbeitet, der ein Zeichen setzen soll, wie Europa sein könnte. Es ist auch eine politische Botschaft an Berlin und Brüssel“, betont Lehrer Hermann Krüssel, der seit mehr als 15 Jahren die Lateinklassen bei der Umsetzung ihrer Ideen für Wettbewerbe mit stetigem überregionalen Erfolg betreut.

Über das stürmische Mittelmeer

Die Hauptperson des Films wird von der 13-jährigen Charlotte Kopp gespielt: Sie verkörpert Europa, die selbst die erste Person in Europa mit Migrationshintergrund war. Die phönizische Prinzessin aus dem heutigen Syrien wurde von einem Stier über das stürmische Mittelmeer getragen. Hinter dem Stier verbirgt sich kein geringerer als Jupiter, also der höchste Gott.

Im Film kehrt Europa heute zum Olymp zurück und berichtet, wie es ihr ergangen ist. Und nicht nur Jupiter, sondern alle olympischen Götter fragen aus ihrer Sicht. Mars hört von den zwei Weltkriegen, Vesta von den Brandstiftungen in Flüchtlingsheimen, Minerva hört, dass es mal ein „Volk der Dichter und Denker“ gab. Apollo hat dann den rettenden Gedanken: „Es gibt doch eine Sprache, die alle verstehen, die Musik.“

„Auf mythologischer Basis und mit tollen Requisiten und Kostümen ist ein interdisziplinärer Beitrag entstanden, der die Fächer Latein, Politik und Religion verbindet“, erklärt Krüssel. Die Schüler haben erst seit anderthalb Jahren Lateinunterricht und können schon so viel in Worte fassen. „Das ist bemerkenswert“, lobt der engagierte Lehrer. Vom groben Plan auf der Tafel bis zur fertigen DVD sei der Arbeitsprozess für die knapp 20 Schüler ein tolles Gemeinschaftserlebnis. „Und die Jury war tatsächlich gerührt. Sogar Sabine Verheyen und Ulla Schmidt haben uns schon gratuliert“, freut sich der 13-jährige Luca Sieberg.

Mythologie und Moderne

Geschickt werden Mythologie und Moderne verknüpft. Europa weist im Film auf den jährlich stattfinden Songcontest hin. Exemplarisch ertönen einige Takte aus Abbas „Waterloo“. Und Apollo beschließt, mit seinen Gefährten beim nächsten Mal teilzunehmen.

Im zweiten Teil des Films sind vier Teilnehmer am „Certamen Cantus Eurovisionis“ zu hören. Dabei nehmen auch die olympischen Götter teil. Dreimal wird eine Nationalhymne in lateinischer Übersetzung präsentiert (Deutschland, Frankreich, Großbritannien). Das Siegerlied aber kommt aus Amerika: Louis Armstrongs „What a wonderful world“ beziehungsweise „Orbis pulcherrimus“. „Es geht darum, welche Möglichkeiten Menschen haben, eine wunderbare Welt zu schaffen. Die Schlussszene zeigt, wie dies Wirklichkeit wird“, erklärt Luca Sieberg.

Die Klasse 7d und die Schüler der Internationalen Klasse treten gemeinsam vor die Kamera. Unter den jungen Flüchtlingen — hauptsächlich aus Iran, Irak und Syrien — ist auch Arthur aus Armenien. Er nimmt einige Wochenstunden am Unterricht der 7d teil. Arm in Arm zeigen die Schüler eine strahlende Perspektive für den Kontinent auf. Am Ende des Wettbewerbsbeitrags geht die Sonne auf.