Aachen: Eugen Drewermann in Aachen: Mythen lesen und auf Gefühle hören

Aachen: Eugen Drewermann in Aachen: Mythen lesen und auf Gefühle hören

Anspruchsvolles Thema, sanfter Ton, unnachgiebige Haltung — so steht er da; so steht er immer vor seinem Publikum. In der Aachener „Aula Carolina“ sind es rund 500 Frauen und Männer jedes Alters, die Eugen Drewermann konzentriert zuhören. Der Paderborner Theologe und ehemalige Priester, der vor acht Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten ist, spricht über die großen Themen des Menschseins und über antike Mythen; davon handelt sein neues Buch.

Die 770 Seiten liegen auf dem Rednerpult, damit er hin und wieder einen Autor zitieren kann. Ansonsten hat Drewermann kein Manuskript dabei. Er spricht eineinhalb Stunden völlig frei, makellos, mit hohem Tempo. Wenig Emotion im Vortrag, viel Emotion im Inhalt — deutungsstark, inspirierend, vielfältig unternimmt Drewermann einen Parforceritt durch die antike Götterwelt und die Weltliteratur. Denn an den ganz entscheidenden Marksteinen jedes Lebens, wenn es um Liebe, Leid und Tod geht, geben nach Drewermanns Überzeugung die großen Romane, Erzählungen und die antiken Sagen, die „den Menschen weitaus hilfloser zeigen, als ihn Moral und Justiz gerne sähen“, bessere Antworten als Dogmen und theologische Konstruktionen. Er empfiehlt, die Bibel so zu lesen, wie man Träume deutet.

Der profilierte Kirchenkritiker möchte mehr Nachsicht mit allen, die Fehler machen, die irren, die an rechtlichen und moralischen Normen scheitern. Da ist der Konflikt mit der katholischen Lehre unvermeidlich. Messerscharf beklagt Drewermann unsensiblen Umgang seiner ehemaligen Kirche mit Geschiedenen. „Im kommenden Jahr sollen die Gemeinden gefragt werden, was sie vom Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen halten. Das kann man seit der Würzburger Synode vor 40 Jahren wissen.

Damals erklärten die Bischöfe, es sei zwar barmherzig, was die Laien darüber dächten, aber nicht die Wahrheit Christi; also dürfe man nicht nachgeben.“ Drewermann kann sich nicht vorstellen, dass die Kirche aus ihrer dogmatischen und moraltheologischen Tradition herauskommt.

Das Aachener Kaiser-Karls-Gymnasium (KKG) hat den Therapeuten und Theologen, den Psychoanalytiker und Schriftsteller nach Aachen eingeladen. Einige Stunden vor dem Vortrag hat er in der Schule Fragen von Schülerinnen und Schülern aus Religionskursen der KKG-Oberstufe beantwortet. Und die wenden sich deutlich unbefangener und direkter an den Gast als die Drewermann-Gemeinde am Abend. Das gibt dem Autor die Gelegenheit zu pointierten Antworten, die über Sagen und Mythen weit hinausgehen.

Er warnt die jungen Leute davor, dass sie „als Humankapital verschlissen werden“, dass es nur noch darauf ankomme, was sie können, leisten und schaffen, und nicht darauf, was sie fühlen und wie sie glücklich sein wollen. Auch insofern sei Religionsunterricht wie Musik, Sport und Kunst eine Art Asylraum im schulischen Alltag.

Auf Fragen nach der Kirche, deren Vorgaben und Perspektiven antwortet er: „Viel wichtiger als die Frage, was die Kirche macht, ist, was Sie machen.“ Es habe keinen Sinn, auf Beschlüsse von meist über 70-jährigen Kardinälen zu warten. Die Nato nennt Drewermann eine „Durchmarschtruppe für die Interessen des globalisierten Kapitals“. Es sei unmenschlich, dass Menschen dafür trainiert würden, Menschen zu töten.

Drewermann warnt vor Massentierhaltung und hohem Fleischkonsum. „Dass wir täglich Fleisch brauchen, ist eine Unsitte, die wir nach 1945 von den Amerikanern gelernt haben. Weil immer mehr Menschen Fleisch essen, müssen für die Fleischnahrung immer mehr Tiere gemästet werden. Diese Doppelernährung ist die Ursache für Hungerkatastrophen und ungesunde Ernährung.“

Die 17- bis 18-Jährigen folgen dem Theologen aufmerksam, applaudieren einem Mann, den sie offenkundig als authentisch empfinden — unabhängig davon, ob sie seine Haltungen und Forderungen nachvollziehen können oder wollen.