Erster Gleichstellungsplan der Städteregion tritt in Kraft

Interview mit Ulrike Königsfeld : Junge Kollegen mit neuen Lebensmodellen

73,7 Prozent der rund 2200 städteregionalen Beschäftigten waren am Ende des vergangenen Jahres weiblich. Das lässt den ersten Gleichstellungsplan der Städteregion, der am 1. Januar 2019 in Kraft treten und für fünf Jahre gültig sein wird, in einem besonderen Licht erscheinen. Zumindest auf den ersten Blick.

Denn bei genauerem Hinsehen stellt sich heraus, dass die Dominanz der Frauen mit steigender Verantwortung und Bezahlung immer mehr abnimmt.

Es bleibt also noch viel zu tun für Ulrike Königsfeld, die seit fünfeinhalb Jahren die Gleichstellungsbeauftrage der Städteregion ist. Sie hat sich im Interview den Fragen unserer Zeitung gestellt. 

Aus dem Frauenförderplan ist nach einer Änderung der Landesgesetzgebung der Gleichstellungsplan geworden. Wäre in der Städteregion nicht ein Männerförderplan passender?

Königsfeld: In unserem Gleichstellungsplan findet die Männerförderung durchaus Berücksichtigung, auch wenn sie im Landesgleichstellungsgesetz explizit gar nicht vorgesehen ist. Vor allem im Sozial- und Erziehungsdienst sind Männer – nicht nur bei uns – extrem unterrepräsentiert. Das wollen wir ändern. Allerdings kann die Städteregion nur sehr bedingt etwas erreichen. Wir können im Kleinen die Rahmenbedingungen verbessern, indem wir zum Beispiel eine zügige Übernahme in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis ermöglichen und ein gutes Fortbildungsprogramm anbieten. Grundsätzlich haben wir es aber mit einem gesellschaftlichen Problem zu tun. Dieser Beruf muss aufgewertet werden.

Nicht nur in den sozialen Berufen sind die männlichen Beschäftigten bei der Städteregion deutlich in der Unterzahl.

Königsfeld: Es ist in der Tat so, dass Frauen in der Verwaltung der Städteregion bis zur Gehaltsstufe A 12 bei den Beamten und EG 12 bei den Angestellten die Mehrheit stellen. In den darüber liegenden Stufen dominieren dann aber zunehmend die Männer – bei den Arbeitsgruppenleitungen ebenso wie bei den Dezernaten. Letztere werden in vier von fünf Fällen von einem Mann geleitet. Im Rahmen einer Kompetenzoffensive analysiert unsere Personalentwicklerin derzeit das Stellenbündel der Arbeitsgruppenleitungen, um die Gründe für diesen Status quo herauszufinden. Dass grundsätzlich eine gerechtere Verteilung möglich ist, zeigt die Verteilung bei den Amts- und Stabsstellenleitungen. Knapp 52 Prozent dieser Positionen sind mit Frauen besetzt.

In den unteren Verantwortungsebenen setzen Sie hingegen auf mehr Männer.

Königsfeld: Wir setzen auf eine bessere Durchmischung, weil es genügend aussagekräftige Studien gibt, die belegen, dass eine ausgewogene Verteilung von Männern und Frauen in einer Abteilung oder einem Team wesentlich zu einem guten Arbeitsklima beiträgt.

Die mangelnde Ausgewogenheit ist aber bereits bei den Berufsanfängern zu beobachten.

Königsfeld: Die Städteregion stellt in der Regel mehr Frauen als Männer als Auszubildende ein. Das ist aber allein der Tatsache geschuldet, dass wir mehr Bewerbungen von qualifizierten Frauen als von qualifizierten Männern erhalten. Die Städteregion ist in diesem Feld mittlerweile sehr aktiv, pflegt beispielsweise intensive Kontakte mit den Schulen und präsentiert sich auf Ausbildungsmessen, um mehr männliche Nachwuchskräfte zu finden. An einem Grundsatz aber ist nicht zu rütteln: Ausschlaggebend ist am Ende die Qualifikation der Bewerber.

Gibt es nicht die Regel, dass Frauen bei gleicher Qualifikation bevorzugt eingestellt werden?

Königsfeld: Das Gesetz sieht vor, dass Frauen in Bereichen, in denen sie unterrepräsentiert sind, bevorzugt behandelt werden sollen, wenn eine Bewerberin und ein Bewerber eine gleichwertige Qualifikation aufweisen und keine wesentlichen Gründe dagegen sprechen. Dann greift die sogenannte Einzelfallklausel. Seitdem ich Gleichstellungsbeauftragte bin, hat es aber einen solchen Fall bei der Städteregion nicht gegeben.

Im Gleichstellungsplan geht es nicht nur um das Verhältnis von Männern und Frauen, sondern auch um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Königsfeld: Ja, weil dieser Aspekt für viele Menschen eine immer größere Rolle spielt. Früher war es so, dass die Arbeit an erster Stelle stand und ihr alles andere untergeordnet wurde. Heute ist das nicht mehr so, viele junge Menschen knüpfen ganz konkrete Bedingungen an die Annahme eines Arbeitsverhältnisses. Die Work-Life-Balance, wie es heute genannt wird, also die richtige Balance zwischen Arbeits- und Privatleben ist zu einem entscheidenden Faktor geworden. Dem muss sich auch die Städteregion als Arbeitgeber stellen, und das tut sie auch.

Wie macht sie das?

Königsfeld: Zum Beispiel, indem sie zunehmend Beschäftigung in Teilzeit anbietet, auch in Führungspositionen. Mittlerweile wird bei jeder auszuschreibenden Stelle überprüft, ob sie geteilt werden kann. Wir versuchen, ganz individuelle Modelle zu finden, um den Bedürfnissen der jeweiligen Mitarbeiterin oder des jeweiligen Mitarbeiters möglichst gut entsprechen zu können. So haben wir schon mehrere Arbeitsgruppenleitungen besetzen können.

Sie nutzen in diesem Sinne auch die Experimentierklausel, die das Land den Kommunen und Kreisen im novellierten Gleichstellungsgesetz einräumt.

Königsfeld: Die Experimentierklausel ist geschaffen worden, um in dem ziemlich formalistischen Konstrukt des Gleichstellungsplanes, für den es zahlreiche Vorschriften gibt, auch mal etwas Neues ausprobieren zu können. Die Städteregion wird in Absprache mit dem Land der Frage nachgehen, inwieweit die Digitalisierung einen Beitrag leisten kann zu einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Vorgesehen ist, gemeinsam mit der Stabsstelle Digitalisierung einen Arbeitskreis zu gründen, in dem entsprechende Ideen entwickelt werden können. Wir möchten die Lebensmodelle der jüngeren Generation besser kennenlernen und sie in die Arbeitswelt der Städteregion einfließen lassen.

Aus der Frauenförderung ist die Gleichstellungsförderung geworden. Gibt es in diesem fortschrittlichen Sinne mittlerweile auch männliche Gleichstellungsbeauftragte?

Königsfeld: Nein, bis dato nicht, weil die Landesgesetzgebung vorschreibt, dass diese Aufgabe nur von Frauen übernommen werden darf. Das ist auch schon mehrfach gerichtlich überprüft worden. Ich würde eine Änderung des Gesetzes allerdings begrüßen und mir wünschen, dass es ein Team gäbe, also einen Mann und eine Frau. In meinem Verständnis gehört auch das zur Gleichstellung.

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