Aachen: Erhebliche Mängel an Katschhof und Treppe

Aachen: Erhebliche Mängel an Katschhof und Treppe

Jörg Sachse-Schüler ist blind. Als er spricht, wird es still im Sitzungssaal des Rathauses. Der junge Mann erzählt vor dem Bürgerforum von den Nöten blinder und sehbehinderter Menschen, sich in Aachen fortzubewegen. Es fehle in der Stadt ein durchgehend einheitliches Leitsystem für diese Gruppe. Jörg Sachse-Schüler appelliert, die Stadt möge darüber „intensiver nachdenken”.

Im Bürgerforum steht das Thema „Barrierefreiheit rund um das Weltkulturerbe Aachener Dom” auf der Tagesordnung. Die Kommission Barrierefreies Bauen, Verwaltung und Fraktionen haben in den vergangenen Monaten über die Neugestaltung rund um den Dom beraten. Einiges wurde verbessert, beispielsweise: geschnittenes Großpflaster als ebener Belag, was die Situation für mobilitätseingeschränkte Personen verbessert; 24 Stunden ebenerdig zugängliche behindertengerechte Toiletten im Centre Charlemagne (nutzbar mit dem Euroschlüssel); behindertengerechte Rampe am Dom und ebenso eine Rampe als Zugang zum Centre.

Doch der neue Katschhof mit der umstrittenen Freitreppe bereitet der Kommission Barrierefreies Bauen weiterhin Kopfschmerzen. Vorsitzende Caline Strack: „Seit Beginn der Diskussionen fordert die Kommission ein durchgängiges in sich stimmiges Leitsystem auch im historischen Altstadtbereich. Dieses besteht grundsätzlich aus einem gut berollbaren Bereich und einer Leitlinie, die sich hiervon taktil und kontrastreich abhebt und Menschen mit Sehbehinderung, geistigen oder psychischen Behinderungen, aber auch den blinden Menschen und Kindern sowie Senioren hilft, die Stadt zu erkunden.”

Die Verwaltung meint, rund um das Weltkulturerbe Dom blieben „teilweise” Kompromisse nicht aus, weil sich „in diesem besonderen innerstädtischen und historischen Bereich” die Belange der Stadtgestaltung und Denkmalpflege nicht immer mit denen der Barrierefreiheit 100-prozentig vereinbaren ließen. „Wo die Sicherheit von Menschen nicht gegeben ist”, hält Kommissions-Vorsitzende Caline Strack dagegen, „muss die Kompromissbereitschaft aufhören.”

Aus Sicht der Barrierefreiheit wiesen Katschhof und Freitreppe erhebliche Mängel auf. Ein durchgehendes Leitsystem sei nicht zu erkennen, notwendige Kontraste und Taktilität fehlten. Das von der Stadt bevorzugte „reduzierte Leitsystem” - basierend auf der Benutzung von Hauskanten, Plattenbelägen im Kontrast zum Pflaster und abgesenkten Bordsteinen - sei nicht akzeptabel. „Mal eine Hauskante, mal eine Regenrinne - das ist beim besten Willen kein Leitsystem”, ergänzt Jörg Sachs-Schüler.

Auch die Stufen der Freitreppe, so Caline Strack, seien nicht kon­trastreich gestaltet. Wegen fehlender Markierungen und Kontraste bestehe für behinderte Menschen „eine erhebliche Sturzgefahr”. Zudem müssten die beiden zur Empore hinter dem Rathaus führenden Lifte so gestaltet werden, dass eine Begleitperson mitfahren könne. „Die Treppenlifte sind ein Unding”, sekundiert ein junger Mann und fragt Richtung Politik und Verwaltung: „Warum tun Sie sich so schwer, die Stadt barrierefrei zu machen?”

Was die von der Kommission geforderten Kontraste im Boden betrifft, setzt die Verwaltung auf Zeit. Der verlegte Blaustein dunkle nach, wie in der Ursulinerstraße beobachtet werden könne, während die hellere Grauwacke gleich bleibe. Die Verwaltung schlägt deshalb vor, zunächst einmal die „absehbare Nachdunklung” und Veränderung der Materialfarben abzuwarten. Sollte sich in einem Jahr herausstellen, dass die Farbkontraste nicht ausreichend seien, könnten beispielsweise in der Freitreppe in den Seitenbereichen weiße Granitpunkte in der Antritts- und Endstufe angebracht werden. So könnten auch die ungleichen Tritthöhen im Bereich der Behindertenrampe zum Centre Charlemagne markiert werden.

Die Kommission lehnt solche weißen Punkte ab. Sie fordert auf der Freitreppe einen durchgehenden Streifen, nur der sei wahrnehmbar. In Anspielung auf die Freitreppe der Aachen-Münchener mahnt Caline Strack: „Wir hoffen, dass es in Aachen keine zweite barrierebehaftete Freitreppe geben wird.” Dann sei „massiver Widerstand” von den Behindertenverbänden zu erwarten.

Die eindrucksvollen Schilderungen verfehlen ihre Wirkung nicht. Auf Antrag von Heiner März (SPD) empfiehlt das Bürgerforum der Verwaltung, „bei zukünftigen Ausschreibungen für den Aus- oder Umbau von Straßen oder Plätzen die Richtlinien Barrierefreies Bauen mit als Grundlage aufzunehmen”.