Aachen: Er lässt ein Öcher Original weiterleben

Aachen : Er lässt ein Öcher Original weiterleben

Der „Lennet Kann“ ist die Rolle seines Lebens. Sie begann vor 33 Jahren in einem Schrebergarten. Auf dem Vereinsfest seiner Gartenkolonie Branderhof schlüpfte der Finanzbeamte Kurt Joußen in die Rolle des Alt-Öcher Originals und sang das Lied vom „Lennet Kann“.

Das Publikum war hin und weg, und der Aufstieg des Liedersängers Kurt Joußen begann. Er gipfelte in einem Musical, wozu ihn Udo Jürgens inspirierte. Kurt Joußen wird am Montag, 20. August, 70 Jahre alt.

Die Bühne ist sein Zuhause: Der Volkssänger hat seinem Original ein erfolgreiches Musical gewidmet. Foto: Martin Ratajczakl

Nach der Premiere in der Gartenkolonie ging es Schlag auf Schlag. Karnevalsvereine buchten den neuen Lennet, bei Hochzeiten, Jubiläen, Geburtstagen und anderen Festen war Kurt Joußen gefragt. Bei einer Jeanne-d’Arc-Fete zog er als Lennet Kann mit der Öcher Penn durch die Straßen der Partnerstadt Reims und sang das Lied vom Lennet und der „Mathilde“ mit der zerknüllten Bluse. „Auf Französisch, die Reimser haben sich schibbelig gelacht“, freut sich Kurt Joußen noch heute.

Als Lennet tritt er in dem Outfit auf, wie alte Fotos den armen Schlucker Leonhard van Kann (1844-1916) aus der Königstraße zeigen: schwarzer Gehrock und Zylinder, mit Orden und Ehrenzeichen behangen, mit denen die Studenten den Lennet dekorierten, wenn sie ihren Schabernack mit ihm trieben. Wenn Joußen den gichtgeplagten Lennet spielt, setzt er behutsam einen Fuß vor den anderen, aufrecht. „Er war kein Spastiker!“, sagt er, als hadere er mit einer populären Lennet-­Interpretation.

Erinnerung an Jupp Schollen

Ob der 1982 verstorbene legendäre Lennet-Mime Jupp Schollen, ob Hans Montag, Dirk von Pezold oder Kurt Joußen — sie alle ließen und lassen ihren Lennet „Öcher Leddchere“ singen. Der Original-Lennet aber, weiß die Lokalhistorie, hat nie gesungen. Kurt Joußen sagt denn auch: „Es geht mir nicht um die Figur Lennet Kann. Ich bin in die Rolle geschlüpft, um alte Heimat- und Volkslieder zu singen, damit die nicht vergessen werden.“ Und darin ist Joußen ähnlich erfolgreich wie als Lennet. Eine stattliche Liedersammlung ist ihm geglückt. „Ich habe gesammelt, was ich kriegen konnte“, erzählt er. Bei mehreren Schallplatten wirkte er mit und brachte eigene heraus. Vom „Lennet Kann“ über die „Mathilde“ und die wieder aktuelle „Wohnungs­nuet“ bis zur „Au, die een deä Pröttel soeß“ sind mehr als 40 Leddchere beisammen.

Jahrzehnte später, 23 Jahre nach der ersten Lennet-Show im Schrebergarten, passiert es: 2008, ein Geschenk seiner Ehefrau Renate zu seinem 60. Geburtstag, sitzt der Udo-Jürgens-Fan im Hamburger Stage Theater an der Elbe und verfolgt das Musical „Ich war noch niemals in New York“ — alle Songs des Entertainers eingebettet in eine Story mit Gesang, Tanz, Schauspiel und Musik. „Ich sitze da und denke, ist ja toll, haste doch auch, jede Menge Lieder — und die Idee zum eigenen Musical war geboren“, erinnert sich Kurt Joußen. „Eine jecke und phantastische Idee“, findet Joußens Tochter Heike Vogt. In der Tat: Was danach in Aachen abläuft, zählt zu den verrücktesten und abenteuerlichsten Geschichten der Aachener Theaterszene.

Die Idee ist da — doch die Geschichte fehlt, ein Drehbuch, das Joußens Lieder zur Story fügt. In einem Operetten-Bändchen von Reclam wird der Sänger fündig. Angelehnt an C. M. Ziehrers „Die Landstreicher“ schreibt Kurt Joußen „Lennet Kann Das Musical“, einen lustigen Öcher Verzäll in drei Akten ums Jahr 1900. Im Herbst 2013 stellt er das Stück „den Aachener Theatern vor, in der Hoffnung, eines der Spielhäuser würde es aufführen“. Die Hoffnung trügt.

Besessen von der Idee, beschließen Vater Kurt und Tochter Heike kurzerhand, das Stück in Eigenregie aufzuführen. „Ein weiter, mühsamer, aber spannender und ereignisreicher Weg. Wir hatten weder eine Bühne, noch ein Ensemble, einen Regisseur, Kostüme, einen Maskenbildner und, und, und — und vor allen Dingen hatten wir kein Geld“, blickt Kurt Joußen zurück.

Zwei Jahre unermüdlicher Plackerei

Wie die Joußens wagemutig quasi als Familienbetrieb den „Theater- und Konzert-Verein Aachen“ gründen, Klinken putzen und Sponsoren und Spender suchen, 80.000 Euro Produktionskosten zusammenkratzen, wie Tochter Heike als künstlerische Gesamtleiterin die Produktion aus dem Boden stampft, welche Öcher Promis, mitgerissen von der verrückten Idee, in den Chören, im Ballett, im Ensemble bis hin zur Regie und musikalischen Leitung enthusiastisch mitmachen — das ist eine atemberaubende Erfolgsgeschichte ohnegleichen.

Am Ende, nach zwei Jahren unermüdlicher Plackerei, steht, was Kurt Joußen zu Recht und stolz „mein Lebenswerk“ nennt: die Premiere „Lennet Kann Das Musical“ am 22. Oktober 2015 im Brüssel-Saal des Eurogress mit ihm in der Rolle des Lennet, acht ausverkaufte, beifallumrauschte Vorstellungen folgen, insgesamt 3500 Zuschauer. „Wahnsinn, wir bewundern uns selber“, staunt Ehefrau Renate.

Der Wahnsinn hatte Methode, er kam nicht von ungefähr. Sein Faible fürs Theater steckt Kurt Joußen im Blut. Vater Kurt Joußen sen. (1905 — 1986), entdeckt von Herbert von Karajan, war Opernsänger am Aachener Stadttheater, mit Gastspielen bis Bayreuth und Salzburg. Zur Oper drängt es auch den Junior, Regisseur das Ziel, aber der Vater rät: „Junge, lerne was Vernünftiges!“

Der 20-Jährige hört auf den Senior und studiert drei Jahre an der Fachhochschule für Finanzen des Landes, schließt 1971 ab mit dem Examen, tourt als Diplom-Finanzwirt als Betriebsprüfer durchs ganze Land.

Nach vier Jahrzehnten im staatlichen Dienst scheidet er 2010 als Steueramtsrat aus und startet als 62-Jähriger noch einmal durch und wird zum Steuerberater bestellt. Den Job macht er noch immer.

Die Auftritte als Lennet Kann sind weniger geworden. „Die Nachfrage ist nicht mehr“, beobachtet Kurt Joußen. Zwei Karnevalsauftritte will „Lennet Kann Kurt Joußen“ dennoch nicht missen: „Fettdonner­stag am Jonastor in Burtscheid und die Seniorensitzung der Stadt im Euro­gress — das sind meine Heimspiele.“

Neben dem runden Geburtstag kann Joußen ein Jubiläum feiern: 3 mal 11 jecke Bühnenjahre. Die Fans können beruhigt sein, er ist total fit und voller Elan, er wird den Lennet noch ein Weilchen bringen.

Es freut ihn, dass der Nachwuchs um die Ecke linst: Die Enkel Jonas (12) und Jan (8) schlüpften schon ins eigene Lennet-Kostüm. „Vielleicht machen die das mal“, sinniert der Opa. Damit der Lennet und die alten Lieder niemals untergehen.