Aachen: Endlich: Dorbach kann renaturiert werden

Aachen: Endlich: Dorbach kann renaturiert werden

Wenn es anhaltend regnet oder ein Sommergewitter niederprasselt, rauscht er von seiner Quelle oben am Dreiländerpunkt in einer wahren Sturzflut runter ins Rabental im Westen der Stadt. Ein paar Stunden später wird es wieder still um ihn, seine Wasser versickern, nur ein Rinnsal plätschert. Dann ist er wieder der einstige „Dürrbach“, der heute Dorbach heißt.

Der Dorbach soll renaturiert werden. Dort, wo sein Bachbett im Laufe der Zeit kanalisiert oder anderswie zerstört wurde, soll er den naturnahen Zustand zurückgewinnen. Dieter Formen, geschäftsführender Vorstand des BUND Aachen (Bund für Naturschutz und Umwelt Deutschland), sieht nach jahrelangem Ringen mit der Bürokratie sein Ziel nahe.

Im Oktober 2000 trat die „EU-Rahmenrichtlinie Wasser“ in Kraft. Ihr Ziel ist es, in der Europäischen Union einen „guten Zustand“ aller Gewässer zu erreichen. Bäche und Flüsse sollen renaturiert werden. Bis 2015 sollte das geschehen. Im April 2012 beantragte der Wasserverband Eifel-Rur „den Dorbach im Bereich Melaten“ zu renaturieren.

In modderigem Graben

Der Kampf des Dieter Formen begann. „Im Bereich Melaten“ schlängelt sich der Dorbach auf der Stadtseite am Klinikum vorbei, wird dahinter am Gut Melaten schnurgerade auf 200 Meter am Schneebergweg entlang in einen mit Steinen und Beton ausgekleideten modderigen Graben gezwungen, bevor er rechts ab quer über die Wiesen westwärts mäandernd in sein altes, kaum einen Meter breites Bett findet, wonach er sich bei Seffent dem Wildbach ergibt, der sich nun mit ihm auf den Weg zur Wurm macht.

Eine Idylle. Für Dieter Formen wurde es keine. Um den Dorbach aus seinem hässlichen und widernatürlichen Graben am Schneebergweg zu befreien und ihm sein altes Bett hinter Gut Melaten zu bereiten, waren — befürwortend die einen, ablehnend die anderen — gefühlt Dutzende Behörden und Institutionen mit von der Partie.

Landesministerien, Landschaftsbeiräte, Wasserverbände, Naturschützer, Verwaltungsräte, Stadt, Staatskanzlei, Abgeordnete, Uniklinik, RWTH, Freundeskreis Botanischer Garten, unzählige Schreiben und Telefonate, Ortstermine, Protokolle und, und, und — und als Gegner gegen alles und jeden, selbst gegen das Landesumweltministerium, der Landesfinanzminister und der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW (BLB).

Denn die Wiesen an Gut Melaten gehören dem Land. Die einen schon ewig genutzt von der RWTH, die anderen reserviert für sie, zu welchem Zweck auch immer. Finanzminister und BLB wollten die Wiesen nicht rausrücken, um über sie in zwei möglichen Varianten dem Dorbach sein altes Bett zurückzugeben. Minister und BLB beharrten darauf, den Bach außerhalb ihres Besitzes am Kanal-Graben entlangzuführen. 22 Obstbäume am Schneebergweg hätten gefällt werden müssen.

„Ein Skandal“, protestierte Dieter Formen, seit Jahrzehnten ein führender Kopf im Aachener Umweltschutz. Gerade das Land sollte bei der von der EU geforderten Renaturierung von Gewässern Vorbild sein für alle Privatleute. Im Oktober 2014 reichte der BUND Aachen als letzte Rettung eine Petition beim Landtag ein. Die fruchtete.

Viereinhalb Jahre nach dem ersten Antrag durch den Wasserverband teilte der Petitionsausschuss durch die Landtagspräsidentin dem BUND Aachen mit, nach Gesprächen sei „die gemeinsame Zielvorgabe entstanden, die Renaturierung des Dorbachs nach der Variante 2 umzusetzen“. Der Wasserverband habe mit den Planungen begonnen. Bedeutet: Der Dorbach wird 204 Meter nun schließlich doch über die Landeswiesen mäandern können.

Der Freundeskreis Botanischer Garten mit Heimstatt in Gut Melaten hat auf nahem vom Land gepachteten Grund entlang des hier in Eigenregie schon renaturierten Dorbachs eine Obst- und Blumenwiese und einen Teich angelegt. Dieter Formen und Mitstreiter stehen hier versammelt. Karl Josef Strank vom Freundeskreis blickt auf das rieselnde Bächlein und schwärmt: „Das ist ein Schatz, den wir hier haben.“

„Er braucht noch mehr Raum“

Christian Schweer vom Wassernetz NRW (Netzwerk von BUND, NABU/Naturschutzbund und LNU/Landesgemeinschaft Naturschutz und Umwelt) ist eigens aus Düsseldorf angereist. Zwar freut auch er sich über den Durchbruch, ist aber nicht vollends zufrieden: „Ich schlage einen Runden Tisch mit allen Beteiligten vor, ob es nicht eine noch bessere Lösung gibt. Man sieht die Dynamik, die in dem Bach ist. Er braucht noch mehr Raum, doppelt so viel Fläche, für einen längeren Lauf hier über die Wiesen, um das Ziel der EU-Richtlinie zu erfüllen.“

RWTH-Professor Holger Schüttrumpf vom Institut für Wasserbau und Wasserwirtschaft nickt: „Quer durch, das wäre das Richtige, so wie es früher war.“ Listig setzt er hinzu: „Unser Institut bräuchte einen Auftrag, kleine Gewässer zu erforschen.“

Dieter Formen freut sich für den BUND: „Unsere Petition hat sich doch noch, als letzter für uns demokratisch zur Verfügung stehende Weg, nach dem seinerzeitigen Scheitern bei Finanzministerium und BLB positiv im Sinne der Gewässerrenaturierung ausgewirkt.“ Wer den stets bescheiden auftretenden, behutsam formulierenden Umweltschützer kennt, fühlt seine innere Glückseligkeit, wenn er leise sagt: „Gewässerschutz wie hier am Dorbach dient ja auch den Menschen.“

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